"Die Presse am Sonntag" vom 25.06.2017 Seite: 4 Ressort: Inland Abend, Morgen

>Ich würde es nicht Genugtuung nennen<

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres spricht über das neue Gesetz zu Primärversorgungszentren, sein Verhältnis zu Sandra Frauenberger und sein Gehalt.
@LR von Köksal Baltaci
 
Die fünf Jahre Ihrer ersten Amtszeit waren geprägt von einer innigen Feindschaft mit Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) und Udo Janßen, Generaldirektor des Krankenanstaltenverbundes (KAV). Beide hatten vor Kurzem ziemlich unrühmliche Abgänge, während Sie als Präsident der Wiener Ärztekammer wiedergewählt wurden und seit Freitag auch die Bundeskammer anführen. Wie groß ist gerade die Genugtuung?
Thomas Szekeres: Ach, ich würde es nicht Genugtuung nennen. Wichtiger ist, dass sich die Situation im KAV beruhigt hat, seit Sandra Frauenberger Gesundheitsstadträtin ist. Sie versucht, auf die Mitarbeiter zuzugehen, weshalb die meisten Konflikte abgeflaut sind. Das bedeutet nicht, dass wir punktuell nicht mehr Personal brauchen und manche Strukturänderungen neu überdacht gehören, aber der KAV ist wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.
 
Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Sandra Frauenberger?
Die Gesprächsbasis ist professionell und vernünftig. Mit Sonja Wehsely hatte ich ja insbesondere gegen Ende ein sehr angespanntes Verhältnis.
 
Weil Sie ihr nie verzeihen konnten, dass sie nach den Verhandlungen mit Ihnen zum neuen Ärztearbeitszeitgesetz in ihrem Umfeld erzählt hat, sie habe die Ärztekammer "über den Tisch gezogen"?
Vor allem, weil es nicht stimmte. Sie hat uns nicht über den Tisch gezogen. Wie sie agiert hat, war nicht in Ordnung. So sollte man sich nicht verhalten, wenn man eine Vereinbarung mit jemandem trifft.
 
Kommt für Sie jetzt auch eine Rückkehr zur SPÖ in Frage? Auf dem Höhepunkt Ihres Konfliktes mit Wehsely sind Sie ja aus der Partei ausgetreten.
Nein, solange ich eine Funktion in der Ärztekammer habe, nicht. Eine Äquidistanz zu allen Parteien ist notwendig und auch der Hauptgrund dafür, dass ich gewählt wurde. Schließlich geht es um die Interessen der Ärzte und nicht um jene von Parteien.
 
Politisches Geschick und die Fähigkeit, Mehrheiten zu finden, haben Sie in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen. Können Sie sich für die Zukunft auch andere Ämter vorstellen? Ein Ministeramt vielleicht?
Keine Ahnung, darüber habe ich nicht nachgedacht. Mich hat auch noch niemand darauf angesprochen.
 
Wenn man Sie ansprechen würde, würden Sie darüber nachdenken?
Wahrscheinlich, ich weiß es nicht.
 
Nach Ihrer Wiederwahl zum Ärztekammerpräsidenten warf Ihnen Vizepräsident Johannes Steinhart, der mit seiner Liste auf Platz eins gelandet war, "schlechten Stil" vor, weil Sie ihn ausgebootet hätten. Zudem seien in Ihrer Koalition niedergelassene Ärzte nicht ausreichend repräsentiert.
Das sehe ich nicht so. Ich habe eine demokratische Abstimmung gewonnen. Außerdem wüsste ich nicht, wann ich jemals die Interessen der niedergelassenen Ärzte nicht ausreichend vertreten hätte. Bei dieser Wahl hatte ich darüber hinaus mehr Unterstützung von niedergelassenen Ärzten als beim letzten Mal. Ich denke, dass die momentane Enttäuschung aus ihm gesprochen hat. Das verstehe ich schon.
 
Apropos niedergelassene Ärzte. Der Gesundheitsausschuss hat am Mittwoch grünes Licht für das sogenannte Primärversorgungsgesetz gegeben. Damit soll die medizinische Grundversorgung neu gestaltet werden, bis Ende 2021 sollen zu den bereits bestehenden zwei Pilotprojekten in Wien und Enns 75 neue Zentren hinzukommen. Sie haben das Gesetz in seiner bestehenden Form immer scharf kritisiert.
Zunächst will ich betonen, dass ich es begrüße, dass das Gesetz adaptiert wurde und Monopole durch Großkonzerne verhindert werden sowie der Gesamtvertrag beibehalten werden soll. Aber dennoch birgt das Gesetz viele Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, die uns Ärzte nicht jubeln lassen. Mir ist wichtig, dass die wohnortnahe Versorgung erhalten bleibt und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse in ländlichen Regionen und Großstädten eingegangen wird. Man sollte lieber die - bei Patienten sehr beliebten - Hausärzte besser bezahlen und ihren Stellenwert erhöhen, als alles zu verkomplizieren.
 
Was genau ist denn Ihr Kritikpunkt an dem aktuellen Primärversorgungsgesetz?
Der Hauptkritikpunkt ist die ungeklärte Frage, ob und unter welchen Umständen Ärzte andere Ärzte anstellen dürfen - bei Vertretungen beispielsweise. Derzeit ist es ja so, dass Ärzte einen Werkvertrag bekommen, wenn sie einen Kollegen vertreten. Eine weitere Unsicherheit besteht in der Frage, was passiert, wenn sich ein Arzt von einem solchen Zentrum trennen und wieder allein arbeiten will. Über all diese Punkte laufen derzeit noch Gespräche.
 
Der Konflikt um die Arbeitszeiten der Spitalsärzte war das dominierende Thema Ihrer vergangenen Amtszeit. Was, denken Sie, wird Sie in den kommenden fünf Jahren am meisten beschäftigen?
Die größte Herausforderung wird die Aufrechterhaltung eines öffentlichen Gesundheitssystems sein. Die Bevölkerung wächst und wird älter, gleichzeitig gehen viele Ärzte in Pension bzw. verlassen junge Mediziner das Land. Dieser Entwicklung kann man nicht begegnen, indem man weniger Geld ausgibt als bisher. Das wäre ein Paradoxon und ist meine prinzipielle Kritik an der Politik. Wir brauchen mehr Kassenverträge und neue Modelle - in ganz Österreich, nicht nur in Wien. Diese Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen meistern. Außerdem setze ich große Hoffnungen in Alexander Biach, den neuen Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. An meiner Gesprächsbereitschaft werden Verhandlungen jedenfalls nicht scheitern.
 
Beim Wahlkampf kamen auch wiederholt die Verdienstmöglichkeiten in der Ärztekammer zur Sprache: Wie viel bekommt man eigentlich als Präsident?
Das hängt von der sonstigen Tätigkeit des Arztes ab und ist genau geregelt. Bei mir sind es, zusammen mit der Anstellung an der Med-Uni, zwischen 190.000 und 200.000 Euro im Jahr brutto.
 
Wie viel davon machen die Bezüge aus der Ärztekammer aus?
Etwa die Hälfte. @LU
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Steckbrief
1962 wurde Thomas Szekeres in Wien geboren. Sein Medizinstudium schloss er 1988 ab. 1994 begann er als Facharzt für Labordiagnostik zu arbeiten.
1997 wurde er zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. Er arbeitet im Zentrallabor des AKH, sein Spezialgebiet ist dabei die Krebsforschung.
2012 schaffte er es, zum Präsidenten der Wiener Ärztekammer gewählt zu werden, obwohl er mit seiner roten Liste nicht auf Platz eins landete. 2017 wiederholte er dieses Kunststück und wurde zudem auch zum Präsidenten der österreichischen Ärztekammer gewählt.