„Präventionsprojekt EDDY-young Ernährungs- und Bewegungsprogramm  für Volksschüler"

Wien, 6. September 2017 – Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nehmen im besorgniserregenden Ausmaß weltweit zu. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Bekämpfung von Übergewicht und Fettsucht als Gesundheitsziel mit oberster Priorität bis 2020 erklärt. Ein erstes Präventionsprogramm bei Wiener Volksschülern zeigt die signifikante Wirkung von Ernährungs- und Bewegungsinterventionen.

„Dicke Kinder sind die kranken Erwachsenen von morgen – das muss endlich allen Verantwortlichen bewusst werden. Übergewicht und Adipositas in der Kindheit können zu Herzkrankheiten, Diabetes oder anderen chronischen Krankheiten führen, wenn nicht entschieden entgegengesteuert wird", betont der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres.

Ziel müsse es sein, die sogenannten „Wohlstandserkrankungen", wie etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, in den Griff zu bekommen und langfristig zu senken sowie eine Reduktion der Belastung durch Übergewicht und Mangel- und Fehlernährung zu erreichen. „Deswegen ist es wichtig, bereits im Kindheitsalter mit Prävention und Vorsorge anzufangen", so der Ärztekammerpräsident.

Erschreckend hohe Anzahl an übergewichtigen Kindern weltweit

Laut WHO sind 41 Millionen Kinder unter fünf Jahren weltweit übergewichtig oder fettleibig. In Europa sind es allein zwölf bis 16 Millionen Kinder. Diese Zahl ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Bis zum Jahr 2030 steigt die Prävalenz von Übergewicht laut WHO aber weiter an, nämlich auf mehr als 50 Prozent in allen europäischen Staaten. „Das sind Zahlen, die jeden aufschrecken und zum Handeln bewegen müssen – und zwar jeden Player im Gesundheitswesen, denn hier geht es um nichts weniger als die Gesundheit unserer zukünftigen Leistungsträger", warnt Szekeres.

Die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan bezeichnet Übergewicht sogar als die derzeit weltweit größte Gesundheitsbedrohung. Um diese globale Herausforderung nachhaltig meistern zu können, müsse es lokale Präventionsprogramme und Initiativen geben – ganz nach dem Motto: „Think global, act local." „Zunächst sind es kleine Schritte, aber, so wie das Projekt EDDY-young zeigt, mit großer Wirkung." Nun gelte es, Projekte dieser Art auf ganz Österreich auszuweiten, ist Szekeres überzeugt.

EDDY-young – Effect of sport and diet trainings to prevent obesity and secondary diseases and to influence young children´s lifestyle

„Tatsächlich zeigen aktuelle Zwischenergebnisse des EDDY-young-Projekts, dass fundierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen wirken", betont Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin und Leiter des Projekts.

Und so funktioniert EDDY-young: Acht- bis zehnjährige Schüler bekommen über einen Zeitraum von bisher zwei Semestern eine 22-stündige Ernährungs- und Bewegungsintervention, davon acht Unterrichtsstunden zum Thema Ernährung (praktische Experimente und eigens für das Projekt konzipierte Übungen mit standardisierten Unterrichtsmaterialien) sowie 16 Bewegungseinheiten pro Schulhalbjahr im Rahmen des regulären Schulunterrichts.

Ergänzt wird das Programm durch den Einsatz einer speziell entwickelten Smartphone App, mit deren Hilfe die Schüler das erlernte Wissen spielerisch vertiefen können. Dabei müssen täglich sogenannte Callys mit einer Auswahl an gesunden und ungesunden Lebensmitteln gefüttert werden. Dadurch können die Auswirkungen der Nahrung beobachtet werden (ein Cally wird bei ungesundem Essen beispielsweise energielos und dicker). Die App enthält auch Quizfragen zu den im Unterricht erarbeiteten Inhalten. Im Laufe des Projekts zeigte sich eine hohe Akzeptanz und Interaktion mit der App.

Nach jeder abgeschlossenen Teilintervention (alle sechs Monate) werden das Ernährungswissen und -verhalten sowie die anthropometrischen Körperdaten und die körperliche Fitness erhoben und mit Daten einer Kontrollgruppe ohne Intervention verglichen.

Insgesamt nahmen 160 Schüler an dem Projekt teil, davon 88 in der Kontrollgruppe und 72 in der Interventionsgruppe. Der Anteil der Übergewichtigen aller Schüler betrug zu Beginn des Projekts 36 Prozent (übergewichtig: 16,3 Prozent, adipös: 13,3 Prozent, extrem adipös: 6,4 Prozent):

Vor dem Projektstart wurden bei allen Kindern folgende Parameter erhoben:

  • Anthropometrische Messungen (Größe, Gewicht)
  • Bio Impedanz Analyse (BIA) mittels Tanita Körperanalysewaage (Körper-

fettanteil, Muskelmasse, Körperwasseranteil)

  • Sportmotorische Untersuchung mittels des Deutschen Motorik Tests 6-18
    (Kraft, Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit, Beweglichkeit)
  • Fragebögen über:

Nahrungsmittelverzehrhäufigkeit

Essverhalten, Esssituation (Wo? Mit wem?)

Soziodemografie

Ernährungswissen

körperliche Aktivität

Zwischenergebnisse nach den ersten sechs Monaten

Die Leistungen der Interventionsgruppe wurden mittels des sogenannten Deutschen Motorik Tests überprüft. Die Kinder mussten 20 Meter im Sprint laufen, balancieren, hin- und herspringen, Rumpfbeugen und Liegestütz machen sowie einen Standweitsprung durchführen und einen Sechs-Meter-Lauf absolvieren.

Das erfreuliche Ergebnis: Nach den ersten sechs Monaten zeigte sich eine signifikante Verbesserung der sportmotorischen Leistungen, die bei der Kontrollgruppe so nicht festgestellt werden konnte:

p < .000, d = 0,97
Keine signifikante Verbesserung der sportmotorischen Leistungsfähigkeit in der Kontrollgruppe

Ebenso konnte ein Unterscheid beim BMI (Body-Mass-Index) festgestellt werden:

p = .340, Z-Wert = Gesamtscore
Keine Unterschiede zwischen den einzelnen BMI - Perzentil-Gruppen

Auch beim Wissen über Ernährung gab es eine Steigerung. Gaben bei einem Fragebogen vor Start des Projekts 72,9 Prozent der Kinder eine korrekte Antwort zum Thema Ernährungswissen, waren es nach sechs Monaten bereits 76,9 Prozent. Die Kinder griffen auch seltener zu Weißbrot, Fastfood und salzigen Snacks:

5 = täglicher Konsum
4 = 5 bis 6 Mal pro Woche
3 = 3 bis 4 Mal pro Woche
2 = 1 bis 2 Mal pro Woche

Ergebnisse nach zwölf Monaten Intervention

Nach zwölf Monaten kam es zu einer weiteren signifikanten Steigerung beim Deutschen Motorik Test:

Der Anteil des Körperfetts konnte in der Interventionsgruppe deutlich gesenkt werden:

Gleichzeitig konnte die Muskelmasse signifikant gesteigert werden:


Interventionsbeginn bereits im Volksschulalter notwendig

Die ersten Ergebnisse nach sechs beziehungsweise zwölf Monaten sprechen also eine eindeutige Sprache: Die sportmotorischen Fähigkeiten der Schüler, die an dem Programm teilgenommen haben, verbesserten sich signifikant, ebenso das Ernährungswissen und -verhalten. Die Muskelmasse stieg an, dafür konnte der Anstieg der Fettmasse gebremst werden.

Widhalm: „Die Ausgangslage zeigte, dass die Prävalenz für Übergewicht beziehungsweise Adipositas in einer Wiener Volksschule schon beinahe 40 Prozent beträgt. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse, dass eine präzise geplante Intervention, also Ernährung- und Lifestyle-Schulung und spezielles körperliches Training, die körperliche Leistungsfähigkeit sowie das Ernährungswissen und -verhalten erhöhen und der Anstieg des Körperfetts gebremst werden kann."

Die Interventionen müssten jedenfalls durch geschulte Kräfte – gemeinsam mit den jeweiligen Lehrpersonen – durchgeführt werden, und die Verwendung von speziell entwickelten Apps trage offenbar wesentlich zur Lifestyle-Änderung bei. Widhalm: „Die Zahlen lassen darauf schließen, dass ein früher Interventionsbeginn bereits im Volksschulalter notwendig ist und dass die Einbeziehung der Eltern, Lehrer und anderer Bezugspersonen die Wirksamkeit vergrößert."

Prävention von Übergewicht ist möglich und notwendig

Widhalm ist überzeugt, dass „eine Ausweitung eines derartigen wissenschaftlich ausgewerteten Programms zur Prävention von Übergewicht und zur Verbesserung des Lifestyles dringend geboten ist, denn Prävention von Übergewicht ist möglich."

Ähnlich argumentiert auch Ärztekammerpräsident Szekeres: „Prävention in diesem Bereich ist nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig." Es sei an der Zeit, dass die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, täglich Sport auszuüben, dringend verbessert werden. Oft fehle es an der notwendigen Struktur, aber „zu einem gesunden Lebensstil zählt neben einer gesunden Ernährung eben auch ausreichend Bewegung".

Zahlen zeigten, dass noch 26 Prozent der 11-Jährigen täglich moderate bis starke sportliche Aktivitäten ausführen, wobei es dann bei den 15-Jährigen nur mehr 11,5 Prozent sind. Das aktuelle Projekt belege jedenfalls, wie wichtig tägliche Bewegung für die Vermeidung von Übergewicht ist. Szekeres: „Nach wie vor gibt Österreich zu wenig Geld für Prävention aus. Es ist wesentlich weniger als der Durchschnitt der EU-Länder."

Die Konsequenzen der Vernachlässigung der Prävention seien bei den Zahlen über den Gesundheitszustand der Österreicher regelmäßig abzulesen. So klagen viele Erwachsene über Wirbelsäulenbeschwerden, Bluthochdruck oder Migräne. „Es muss jetzt mehr Geld für Prävention ausgegeben werden, sonst steigen chronische Krankheiten in den nächsten Jahren dramatisch an, und damit natürlich auch die Gesundheitsausgaben", ist Szekeres überzeugt.

Ähnlich wie Widhalm betont auch Szekeres die notwendige Einbeziehung der Eltern bei der Prävention von Übergewicht bei Kindern: „Es muss uns allen bewusst sein, dass Erwachsene hier eine Vorbildfunktion innehaben und einen gesunden Lebensstil vorleben müssen."

Das Projekt zeige jedenfalls, wo angesetzt werden könne, „damit unsere Kinder nicht zu den kranken Erwachsenen von morgen werden". Daher dürften solche Interventionen keine Einzelaktionen bleiben, sondern müssten endlich permanent allen Schülern in Österreich zur Verfügung stehen. Laut Szekeres „fehlen dazu aber nach wie vor die Bereitschaft und der nötige Wille, Strukturen entsprechend zu ändern, Geld in die Hand zu nehmen und darauf zu schauen, dass die Erwachsenen von morgen auch wirklich gesund leben können".

 

Ihre Gesprächspartner:

a.o. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Präsident der Österreichischen sowie der Ärztekammer für Wien

Telefon:         0664/224 39 29
E-Mail:          szekeres@aekwien.at

Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm

Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin und Leiter des Projekts EDDY-young

Telefon:         0664/337 04 25

E-Mail:          kwidhalm@gmx.at

Kontakt für Journalisten-Rückfragen:

Ärztekammer für Wien, Mag. Kathrin McEwen

Telefon: 01/515 01-1415 DW, 0664/969 75 26

E-Mail: mcewen@aekwien.at

online-Medienservice der Ärztekammer für Wien: www.aekwien-medienservice.at