"Kurier" vom 13.05.2017 Seite: 6 Ressort: Karriere
 

Auszug der Ärzte

 
Ärzte werden zum Exportschlager: Immer mehr Junge studieren in Österreich Medizin, um dann im Ausland zu arbeiten. Dort finden sie bessere Arbeits-, Gehalts- und Weiterbildungsbedingungen. Warum das so ist und warum das langfristig für Österreich zum Problem wird. Magdalena Vachova
 
7. Juli 2017. 15.991 Menschen in Österreich, so der Anmelde-Stand, werden an diesem Freitag im Hochsommer zum Aufnahmetest für das Medizinstudium antreten. Ein Monat später, nach Auswertung der Ergebnisse, sind 1620 ihrem Traumjob einen Schritt näher - und dürfen im Herbst an einer der öffentlichen Medizinunis in Österreich ihr Human- oder Zahnmedizinstudium beginnen. Nach mindestens zwölf Semestern beenden rund 1600 Menschen dieses fordernde und intensive Studium. Es folgen weitere Jahre der Ausbildung, bis sie schließlich als Ärzte praktizieren dürfen.

Im besten Fall tun sie das in Österreich. Immer öfter entscheiden sich junge Ärzte aber für die Option Ausland. Das überrascht nicht. Sie sind jung, motiviert, mobil und mit ihren Fähigkeiten nicht an Sprache oder Ort gebunden. Eine neue Erhebung der Statistik Austria hat vergangene Woche deutlich gemacht, wie viele Medizin-Absolventen nach ihrem Abschluss ins Ausland ziehen. Die Zahlen zeigen, wo Medizinabsolventen, die 2011 ihren Abschluss gemacht haben, drei Jahre später leben und arbeiten. Fazit: Nicht nur die ausländischen ziehen weg, auch immer mehr inländische. 84,3 Prozent der deutschen Absolventen verlassen Österreich; 68,6 Prozent der EU-Ausländer (ohne Deutschland) und 59,6 Prozent der Nicht-EU-Bürger. Und: 8,4 Prozent der österreichischen Absolventen suchen das Weite. Tendenz: steigend.
 
"Österreich ist ein Ärzte-Produzent für die Welt", erklärte der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, im KURIER-Gespräch. "Ich vergleiche die Abwanderungs-Situation gerne mit einem Eimer, der voller Wasser ist." Der Eimer ist die medizinische Versorgung, das Wasser sind die Medizin-Absolventen. "Das Problem ist, dass dieser Eimer ein Loch hat. Dieses Loch sind die Absolventen, die Österreich verlassen. "
 
Müller betont: "Wir haben kein Nachwuchs-Problem, wir haben ein Abwanderungsproblem." Das Medizinstudium in Österreich sei begehrt, noch nie wollten so viele junge Menschen Arzt werden. Auch die Absolventenzahlen sind konstant, die Drop-out-Quote liegt bei niedrigen zehn Prozent. Aktuell arbeiten 45.000 Ärzte in Österreich, so viele wie noch nie. Der viel zitierte Ärztemangel speise sich hauptsächlich aus der Herausforderung, ausreichend Ärzte in ländliche Regionen zu bringen, erklärte das Wissenschaftsministerium. "Als Universität sehen wir uns nicht unter Druck", sagt Müller. Die Abwanderung aufzuhalten sei die große Herausforderung in der Ärztebedarfs-Debatte, bestätigte auch das Wissenschaftsministerium.
 
Gründe, warum Jungmediziner gehen, gibt es viele. Manche kehren wegen ihrer Familien nach Hause zurück. Meist aber ist das Karriere-Angebot im Ausland schillernder, die Arbeitsbedingungen besser, die Bezahlung lukrativer. Die Schweiz, Deutschland und England rangieren hier als Medizin-Auswanderungsland auf den vordersten Plätzen. Das nutzen diese Länder für sich: "Die Schweiz etwa bildet deutlich weniger Mediziner aus, als sie tatsächlich brauchen würde. Denn sie weiß: aus dem Ausland kommen neue nach", so Müller. Eben auch Absolventen aus Österreich - aktuell arbeiten rund 3000 österreichische Ärzte in Deutschland und in der Schweiz.
 
Auch eine Rolle spielt, dass das Arbeitsmarktangebot im Inland wenig attraktiv ist. "Österreich hat ein sehr spitalslastiges System. Die jungen Ärzte werden hier oft unter ihrem Wert eingesetzt. Sie machen Pflegetätigkeiten oder Sekretariatsarbeiten anstatt sich weiterzuentwickeln, Zeit mit Patienten zu verbringen und näher an ihrer hoch qualifizierten Kerntätigkeit zu sein", erklärt Markus Müller.
 
Was die Bezahlung angeht, habe Österreich die Gehaltsschere "recht erfolgreich schließen können", heißt es aus dem Wissenschaftsministerium. Die Arbeitszeit sei verkürzt und die Gehälter um bis zu 30 Prozent nach oben angepasst worden. "Aus Sicht der Krankenanstalten müsste es daher eigentlich eine Verbesserung geben." Der Präsident der Ärztekammer, Thomas Szekeres, mahnt aber generell: "Allein mit Geld können wir den Nachwuchs nicht ködern."
 
Langfristig wird die wachsende Abwanderung der Medizinabsolventen ins Ausland, gekoppelt mit den Pensionierungen der im Moment praktizierenden Ärzte eine Herausforderung werden, warnen Experten. Die Ärztebedarfsstudie 2012 von Ärztekammer und Ministerien schätzt, im Jahr 2030 werden 2764 bis 7409 Ärzte in Österreich fehlen. Leo Chini, Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe an der WU Wien, prognostiziert für 2030 sogar ein Minus von 3000 bis 4000 Ärzten alleine für Wien. Ärztekammerpräsident Szekeres: "Wir brauchen dringend einen Masterplan für Jungmediziner, um den dringend benötigten Nachwuchs im Land zu halten."
Wie also das Loch im Eimer stopfen? Die Antwort darauf beschäftigt im Moment die höchste Politikerriege (siehe Info rechts) . Mehr Studierende durch das Medizinstudium zu schleusen sei aber keine Lösung, ist sich Meduni Wien-Rektor Müller sicher. "Als an der Wiener Meduni vor 20 Jahren 2000 Studierende jährlich zum Humanmedizinstudium zugelassen waren, gab es etwa 600 Absolventen pro Jahr. Heute haben wir 660 Anfänger und eine Absolventenquote von über 90 Prozent." Trotzdem: Die 2015 gegründete Medizinische Fakultät der JKU Linz plant, ihre Studienplätze von aktuell 120 bis 2022 um 300 zu erhöhen. Aus Sicht des Wissenschaftsministeriums sei eine Aufstockung der Studienplätze allein allerdings nicht die Lösung, der Abwanderung vorzubeugen - schließlich zögen die Absolventen vor allem aus beruflichen Gründen weg.
 
Optimierungspotenziale für den Arbeitsmarkt hat die Ärztebedarfsstudie 2012 identifiziert: Es brauche einen Ausbau der Pflege, eine bessere Arbeitsteilung in den Gesundheitsberufen, Ärzte müssten von den Administrationsaufgaben entlastet werden. Auch attraktivere Ärzteverträge und eine bessere Koordinierung zwischen Bund, Ländern und Interessensvertretern könnten ein Hebel dafür sein, Absolventen in Österreich zu behalten, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium. "Der Nachwuchs braucht Gestaltungsmöglichkeiten und eine bessere Wertschätzung. Ärzte müssen wieder 100 Prozent Arzt sein dürfen", fordert auch Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.
 
Aber auch gute Kräfte aus dem Ausland zu holen könnte dem Abwanderungs-Problem entgegenwirken. Österreich beschäftigt aktuell vier Prozent im Ausland ausgebildeter Ärzte - OECD Schnitt sind 17 Prozent. Kerstin Roubin, Leiterin Executive Search im Health Care Bereich und Managing Partnerin bei Boyden, sucht für heimische Krankenhäuser und Rehabilitationszentren Top-Ärzte aus dem Ausland. Ihre Beobachtung: "Die Anerkennung von Abschlüssen ist in Österreich nicht einfach. In anderen Ländern ist der Zugang zum Arbeitsmarkt niederschwelliger." Auch sie sorgt die Abwanderung der Medizinabsolventen, sie bleibt aber optimistisch: "Man kann sie später ja wieder nach Österreich zurückholen."
 
Wie? "Krankenhausträger oder Institutionen könnten mehr Employer Branding machen." Dass man in der Kommunikation nach außen etwas verbessern könnte, bestätigt auch die Ärztekammer Österreich. Allerdings seien die Regelungen für Werbung von Land zu Land unterschiedlich, das Ärztegesetz sehe hier Einschränkungen vor. Große und kleine Häuser, vor allem in ländlichen Gebieten, könnten sich jedoch durchaus stärker als attraktive Arbeitgeber positionieren, so Kerstin Roubin. "Und sie sollten lernen, um die Jungen bereits während ihres Studiums zu buhlen."
 
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