"Die Presse" vom 13.06.2017 Seite: 12 Ressort: Chronik Österreich, Abend, Österreich, Niederösterreich, Morgen

Die Folgen der Schockraum-Sperre

Gesundheit. Durch die Schließung des Schockraums im Lorenz-Böhler-Krankenhaus an den Wochenenden befürchten Notärzte eine enorme Versorgungslücke - vor allem bei großen Events.
von Köksal Baltaci
 
Wien. Wer in Wien einen lebensgefährlichen Unfall hat, angeschossen oder mit dem Messer attackiert wird, landet zumeist im Unfallkrankenhaus Lorenz Böhler im 20. Bezirk. Unter Ärzten gilt: Wenn es wirklich um Leben und Tod geht, ist das "Böhler" mit seinem perfekt eingespielten Team und einem optimal ausgestatteten Schockraum der Ort, an dem man als Patient sein sollte. Der Schockraum, auch Reanimationsraum genannt, dient als Teil der Notaufnahme der Erstversorgung von schwerst verletzten Menschen - hier wird diagnostiziert und operiert zugleich.
Das Böhler-Spital versorgt rund ein Viertel der Wiener Bevölkerung. Vor zwei Wochen wurde aber, wie berichtet, bekannt, dass dieser Schockraum an den Wochenenden nicht mehr in Betrieb ist - zwischen Samstag, 8 Uhr, und Dienstag, 8 Uhr, um genau zu sein. In dieser Zeit fährt die Rettung Patienten in Lebensgefahr in das Unfallkrankenhaus Meidling, das ebenfalls rund ein Viertel der Bevölkerung versorgt. Beide Häuser werden von der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) betrieben und sind die einzigen Unfallkrankenhäuser (mit rund 140.000 Patienten pro Jahr) in Wien - weitere Notaufnahmen mit Schockräumen gibt es im AKH, SMZ Ost, Wilhelminenspital und im Hanusch-Krankenhaus.
 
Aufstand der Belegschaft
 
Seitens der AUVA wird dieser Schritt mit "Strukturänderungen" erklärt. Diese seien nötig, um die medizinisch immer komplexere Behandlung von Patienten nach Unfällen auf höchster Qualität halten zu können. Argumentiert wird auch mit Zahlen: Während 2015 am Standort Meidling 158 Patienten zwischen Samstag- und Dienstagfrüh im Schockraum gewesen seien, habe man im Lorenz-Böhler-Krankenhaus nur 26 derartige Fälle gehabt. Für die Belegschaft sind das Scheinargumente, dort geht man von anderen Motiven aus: Das UKH Meidling wurde in den vergangenen Jahren extrem aufgestockt - strukturell wie personell. So kamen beispielsweise 29 neue Dienstposten hinzu.
Ein solches Wachstum muss natürlich durch entsprechende Auslastung gerechtfertigt werden - was aber nicht der Fall war. Der "Presse" liegen sogar Aussagen von Mitarbeitern aus Meidling vor, wonach Patienten im Schockraum behandelt wurden, obwohl das gar nicht notwendig gewesen wäre - um künstlich eine hohe Auslastung herbeizuführen. Die Sperre des Schockraums im Böhler sei also eine Maßnahme, um mehr Patienten in Meidling zu versorgen. Hinzu kommt, dass in Meidling eine Pensionierungswelle ansteht, weswegen Ärzte im Böhler befürchten, nach der Pensionierung ihrer Kollegen nach Meidling versetzt zu werden, da sie ja im Böhler nicht mehr gebraucht werden. Die Sprecherin der AUVA war am Montag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
 
Versorgungslücke in Wien?
 
Die Belegschaft des Böhler-Spitals hat jedenfalls bereits in einer Betriebsversammlung ihren Unmut über die Schließung des Schockraums ausgedrückt. Es sei unverantwortlich, an den Wochenenden eine solche Versorgungslücke zu schaffen - vor allem angesichts des Umstandes, dass viele Großveranstaltungen wie das Donauinselfest oder das Festival Rock in Vienna in diesem Gebiet stattfinden. Bei Notfällen zähle schließlich jede Minute. Unterstützung bekommt die Belegschaft von der Ärztekammer. Deren Präsident, Thomas Szekeres, kritisiert die Maßnahme scharf. Die Sperre sei "eindeutig der falsche Weg". Es dürfe nicht sein, dass Ärzten im "Flaggschiff der Unfallchirurgie in Wien" die Behandlung von Patienten (die selbst das Spital aufsuchen oder von der Rettung angekündigt werden, Anm.) unter Androhung von disziplinarrechtlichen Konsequenzen verboten werde.
 
Auch Heinz Brenner, Unfallchirurg am UKH Böhler und Fachgruppenobmann der Wiener Ärztekammer, warnt: Es "brenne der Hut", da in ein perfekt funktionierendes System eingegriffen und dieses heruntergefahren werde. Die AUVA solle nicht schrittweise das Spital ausbluten lassen, sondern ihre Pläne auf den Tisch legen.
 

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