"Vorarlberger Nachrichten" vom 31.07.2017 Ressort: VN-A

Statt Einsparungen vorzunehmen, soll mehr Geld in das Gesundheitssystem fließen.

Gesundheit soll nicht am Inflationstropf hängen

VN-Interview. Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres (55) über Finanzdeckel und Prävention

Bregenz. (VN-mm) Seit knapp zwei Monaten steht mit Univ. Prof. Thomas Szekeres ein neuer Mann an der Spitz der Österreichischen Ärztekammer. Die Forderungen sind indes die gleichen: mehr Mitsprache, ein besseres PVE-Gesetz und verstärktes Bemühen um Jungmediziner.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den Partnern im Gesundheitswesen gemacht?

Szekeres: Viele Player wollen einsparen und das schon seit Jahren. Aber das ist nicht möglich, wenn wir das Niveau in der Gesundheitsversorgung halten wollen. Es hat zwar keine Ausgabenexplosion gegeben, doch die Menschen werden älter und kränker, und zudem wächst Österreich. Da werden wir sicher nicht mit weniger Geld auskommen. Ein Ziel der Gesundheitsreform ist ja ein finanzieller Deckel, der an die Inflation und das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist. Wir meinen, dass die Gesundheit der Bevölkerung nicht von der Inflation abhängen darf.

Würde ein, wie Sie es möchten, bedürfnisorientiertes Angebot nicht Schleusen öffnen und die Bemühungen um Prävention ad absurdum führen?

Szekeres: Es gibt kaum Präventionsbemühungen in Österreich. Wenn Sie sich die Ausgaben für Prävention anschauen, liegen wir massiv unter dem OECD-Schnitt. Wir haben Krankenkassen, deren Aufgabe es ist, Kranke zu behandeln, und die zu wenig Augenmerk auf die Prävention legen. Gerade bei der Primärprävention müsste im Kindergarten begonnen und in weiterer Folge darauf geachtet werden, dass die Menschen gesund bleiben.

In Vorarlberg wird in diesem Bereich schon etwas getan. Oder sehen Sie das nicht so?

Szekeres: Doch, Vorarlberg ist da wesentlich besser. Es gibt ein Ost-West-Gefälle, vor allem bei den Vorsorgeuntersuchungen. Insgesamt wird in den Kindergärten und Schulen aber wesentlich mehr Gesundheitserziehung benötigt. Übergewicht, ungesunde Ernährung, wenig Bewegung bei den Jugendlichen: Das sind Themen, die man angehen müsste. Was hier versäumt wird, rächt sich später mit chronischen Erkrankungen. Bei der Lebenserwartung steht Österreich gut da. Was wir haben, ist ein Problem mit den gesunden Lebensjahren.

Sie fordern, wie schon Ihr Vorgänger, vehement die Mitwirkung der Ärzteschaft an Lösungen im Gesundheitsbereich ein...

Szekeres: Weil Reformen ohne ärztliches Zutun keinen Sinn ergeben. Solche Aktionen sind nicht zielführend. Man macht ja auch keine Gesetze ohne Juristen.
Könnte Vorarlberg da nicht Vorbild für die anderen Bundesländer sein?
Szekeres: Natürlich, es gibt Projekte, die Vorbild sein sollten, die Finanzierung der Lehrpraxen etwa oder die Zusammenarbeit zwischen der Ärztekammer und der Politik. Wir werden uns bemühen, solche Dinge bundesweit umzusetzen. Vieles hängt an den handelnden Personen. Aber ich bin optimistisch, dass es künftig besser funktionieren wird.

Wo sehen Sie die Hauptprobleme im medizinischen Bereich?

Szekeres: Das Hauptproblem ist die demografische Entwicklung. Die Menschen werden älter und die Ärzte auch. Viele gehen in den kommenden Jahren in Pension. Junge Ärzte kommen kaum nach. Von zehn Absolventen der Medizinuniversitäten wandern vier ins Ausland ab. Hier müssen wir rechtzeitig gegensteuern.

Wie können Jungärzte zum Bleiben bewegt werden?

Szekeres: Mit besseren Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in den Spitälern. Es gibt teilweise nicht einmal Kindergärten. Wir müssen uns aktiv um die Jungen bemühen, denn in ganz Europa wird regelrecht um sie gebuhlt.

Stichwort Primärversorgungseinheit (PVE): Ein Kritikpunkt ist die zeitliche Begrenzung zur Rückkehr in den Einzelvertrag. In der Wirtschaft kann man auch nicht so einfach switchen, wenn es nicht läuft …

Szekeres: Für eine PVE wird ein Ärzteteam quasi zusammengewürfelt. Wenn es da nicht passt, gibt es ein Problem. Vor diesem Risiko schrecken viele Kollegen zurück, denn es kann unter Umständen existenzvernichtend sein. In der jetzigen Form sehen wir das PVE-Gesetz jedenfalls nicht als praxistauglich an. Außerdem ist eine Einzelordination nicht das Schlechteste und der Hausarzt bekanntlich am beliebtesten bei den Patienten.

Die Ärztekammer hat den Ruf, nur zu kritisieren. Haben Sie auch Lösungen?

Szekeres: Mit Kritik wird man viel mehr wahrgenommen. So viel dazu. Und ja, wir haben eine Reihe von Verbesserungsmodellen vorgeschlagen, etwa, dass ambulante und niedergelassene Versorgung aus einem Topf bezahlt werden. Dafür würde es zum einen entsprechende Einrichtungen im niedergelassenen Bereich und zum anderen eine Finanzierung aus einer Hand brauchen. Letztere ist derzeit politisch jedoch nicht durchsetzbar.