"Die Presse" vom 10.01.2017 Seite: 8 Ressort: Chronik Österreich, Abend, Österreich, Morgen
 

Länger offen: Kein Zuschlag für Ärzte

 
Spitalsambulanzen. Ordinationen, die länger offen hielten, um Krankenhäuser zu entlasten, blieben auf den Mehrkosten sitzen.
von Köksal Baltaci
 
Wien. Eine Wiener Ordination vor ein paar Tagen: Wegen des - auch durch die Grippewelle bedingten - Ansturms von Patienten überzieht der Arzt kurzerhand seine Öffnungszeiten, arbeitet über 18 Uhr hinaus und behandelt in dieser Zeit vier Patienten. Bei der Abrechnung stellt sich allerdings die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) quer und verweigert den sogenannten S-Zuschlag. Das ist ein Zuschlag in Höhe von 50 Prozent der jeweiligen Leistungen an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen sowie in der Nacht bzw. außerhalb der regulären Ordinationszeiten.
Dem Arzt zufolge mit der Begründung, es habe kein Behandlungsbedarf bestanden, weil die Patienten eine Spitalsambulanz aufsuchen könnten. Was - aus Sicht der WGKK - nachvollziehbar ist, wird doch die Behandlung in Spitälern im Wesentlichen von den Ländern bezahlt, für jene im niedergelassenen Bereich hingegen müssen die Kassen aufkommen.
 
Kein Aufruf der Kammer
 
Ähnliche Berichte von der Verweigerung des S-Zuschlags gibt es von niedergelassenen Kinderärzten, die im Februar vergangenen Jahres spontan ihre Ordinationen an den Wochenenden aufsperrten, um die maßlos überforderte Kinderambulanz im Donauspital zu entlasten, in der es wegen der langen Wartezeiten sogar zu Tumulten kam. Was auch der Grund dafür ist, dass sich viele niedergelassene Ärzte weigern, trotz der aktuellen Überforderung der Spitalsambulanzen mit Dutzenden Gangbetten ("Die Presse" berichtete), ihre Praxen zu öffnen - obwohl sie dazu grundsätzlich bereit wären.
Selbst die Ärztekammer hat in diesem Winter zum ersten Mal die niedergelassenen Mediziner nicht dazu aufgerufen, ihre Ordinationen außerhalb der Öffnungszeiten offen zu halten, weil die Ärzte immer wieder beklagt hätten, den S-Zuschlag nicht zu bekommen und somit ihre Ordinationsangestellten nicht bezahlen zu können. Denn diese bekommen an einem Sonn- und Feiertag einen Zuschlag von 100 Prozent - plus Zeitausgleich in der Woche darauf. Zudem müssen sie nur dann außerhalb der Ordinationszeiten arbeiten, wenn in ihren Verträgen Überstunden festgeschrieben sind. Die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) sieht jedenfalls "keine Notwendig", dass Ordinationsangestellte an Wochenenden, Feiertagen und außerhalb der Ordinationszeiten arbeiten. In dieser Zeit gebe es ja die Ambulanzen und den Ärztefunkdienst.
Mit den Vorwürfen konfrontiert, teilt eine Sprecherin der WGKK mit, dass "den Ärzten im Rahmen ihrer medizinischen Behandlungskompetenz überlassen bleibt, ob ein besonderer Behandlungsbedarf außerhalb seiner regelmäßigen Ordinationszeiten besteht. Generelle Probleme von Kinderärzten bei der Abrechnung von Leistungen, die am Wochenende erbracht wurden, sind nicht bekannt." Es könne "natürlich in Einzelfällen ein Problem technischer Art bestanden haben, aber man kann davon ausgehen, dass diese in den etwaigen Einzelfällen auch ausgeräumt wurden". Sollte sich ein Arzt "nicht korrekt abgerechnet fühlen", könne er sich gern an die WGKK wenden. Was die wenigsten Mediziner machen, die meisten haben es dabei belassen und die Mehrkosten für ihre Ordinationsassistenten aus der eigenen Tasche bezahlt - und verzichten künftig auf Überstunden.
 
"Nicht zu leugnen"
 
Unterdessen kündigte Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) am Montag eine Überprüfung an, warum in den Spitälern so viele Patienten in Gangbetten liegen müssen. Die angespannte Situation sei jedenfalls "nicht zu verleugnen". Das Bettenmanagement werde in den einzelnen Häusern vorgenommen. "Ich habe die Generaldirektion veranlasst, die Berichte aus jedem Haus anzufordern, die sorgfältig geprüft werden", sagt Wehsely. Warum die entwickelten Prozedere in einigen Bereichen besser und in anderen schlechter funktionieren, werde "analysiert und bereinigt". Gangbetten seien "ein unerträglicher Zustand, und es werden vielfältige Maßnahmen gesetzt, diesen zu beenden".
Wie dramatisch die Situation in Spitälern ist, zeigt sich auch an einem E-Mail, das der "Presse" vorliegt. Darin fordert ein Pflegedirektor die Stationsleiter auf, "alle personellen Maßnahmen zu ergreifen, die eine unmittelbare Aufhebung der Sperre ermöglichen". Dies umfasse "die Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten wie etwa die Anordnung von Mehrdienstleistungen, die Prüfung, ob bereits genehmigte Urlaube verschiebbar sind bzw. die Genehmigung zurückzunehmen ist, sowie die Prüfung, ob Mitarbeiter vorzeitig aus dem Urlaub zurückkehren können". Dabei seien der Kreativität der Stationsleiter "keine Grenzen gesetzt".
 
Gangbetten sind ein unerträglicher Zustand, und es werden Maßnahmen gesetzt, diesen zu beenden. Sonja Wehsely