"Kurier" vom 29.12.2017 Seite: 34 Ressort: Leben Abend, Abend

Zukunftsprojekte für die Patienten

Durch intensive Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern soll die Versorgung optimiert werden

 

von luise hahn Jüngst absolvierten die Präsidenten von Apotheker- und Ärztekammer ihren Antrittsbesuch bei der neuen Bundesministerin für Gesundheit und Frauen, Beate Hartinger. Die Politikerin beauftragte dabei Ulrike Mursch-Edlmayr und Thomas Szekeres, gemeinsam Projekte für eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung auszuarbeiten. Nur vier Stunden später befanden sich die beiden Vorsitzenden bereits im angeregten Gipfelgespräch im Serviten-Viertel mit dem KURIER.

"Wir haben einander bis jetzt schon regelmäßig getroffen, ab sofort werden wir gemeinsame Projekte erarbeiten", erklärt Szekeres. Und Mursch-Edlmayr fügt hinzu, dass im ministeriellen Arbeitsauftrag schon folgende nationale Schwerpunkt-Themen festgelegt sind: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das schlechte Gesundheitswissen der österreichischen Bevölkerung, Haut (Psoriasis) sowie Onkologie. Zu diesen Themen werden die beiden Präsidenten mit Experten aus den jeweiligen medizinischen und pharmazeutischen Bereichen Projekte entwickeln. Parallel dazu werden Ärzte und Pharmazeuten Qualitätszirkel bilden, um im Interesse der Patienten auch gemeinsam zu lernen. "Denn im Mittelpunkt steht der Patient, den sowohl Ärzte wie Apothekerschaft möglichst lange gesund halten wollen und chronisch Kranke möglichst lang vor Komplikationen und Verschlimmerung ihres Zustands bewahren möchten", sagt Mursch-Edlmayr.

Mit einer Stimme Zusammengerechnet für ganz Österreich, sehen Ärzte und Pharmazeuten täglich rund 700.000 Menschen, wobei 80 Prozent der Klientel chronisch Kranke sind. Während Diagnose und Therapie zur ärztlichen Kompetenz zählen, sind bei Gesundheitskompetenz, Adhärenz (Einhaltung der Therapieziele) und Wechselwirkungen die Apotheker gefordert. Essentiell ist, dass die Vertreter beider Berufsgruppen "mit einer Stimme" zum Erkrankten sprechen. Denn "es gibt Zivilisationskrankheiten, die man neben der Therapie auch durch Änderung des Lebensstils in den Griff bekommt", präzisiert Mursch-Edlmayr.

Doch wenn Patienten weder die Therapie befolgen, noch ihren Lebensstil ändern, verläuft etwa die Herzinsuffizienz in folgenden Phasen: Zuerst bemerkt man nichts, dann geraten gewisse Parameter des Körpers aus dem Lot, weshalb eine Therapie einsetzen müsste. Doch leider erfolgt die Erstdiagnose in 90 Prozent der Fälle erst, wenn der Mensch ins Spital kommt.

Laut einer Studie des Hauptverbands nehmen nach ihrer Entlassung aus dem Spital nur 50 Prozent der Patienten die verordnete Medikation, landen daher wieder im Spital (im Schnitt drei Mal pro Jahr) und sterben nach zwei Jahren. Der Ärztekammerpräsident weist darauf hin, dass die Früherkennung etlicher Krankheiten durch Labortests möglich ist - von Diabetes bis zur Herzschwäche. Mursch-Edlmayr nennt hier auch die bundesweit 1400 Apotheken als "größte Zuweiser" zu den Ärzten. Und zwar mit dem Vorteil, dass wir jene Patienten zum Arzt schicken, die ihn wirklich benötigen. Wobei das ja häufig jene sind, die sonst nie die Ordination aufsuchen würden."

Bei Präventionskompetenz und Früherkennung stimmen die Gipfelgespräch-Partner überein, dass es gemeinsamer Ausbildungsprogramme bedarf . "Revolutionäre Public-Health-Professoren sagen, man müsste damit schon im Studium beginnen", erklärt Mursch-Edlmayr, "aber wir können die Curricula nicht ändern, weshalb diese Themen künftig zur gemeinsamen Fortbildung gehören müssen."

Therapie-Reform Krebspatienten sollten nach Diagnose und Einstellung im Krankenhaus ihre Therapien möglichst außerhalb des Spitals erhalten. "Das ist sinnvoll, weil eine für die Erkrankten weniger belastende und auch volkswirtschaftlich günstigere Version der Behandlung", erklärt Szekeres. Ein Hindernis sei der Mangel an Kassenärzten. International seien Therapien daheim oder im Ambulatorium üblich, von Österreichs Krankenkassen würden sie nicht bezahlt. Und"was mir generell wichtig ist: Ich glaube nicht, dass man im Gesundheitswesen bei älter werdender und rasch wachsender Bevölkerung einsparen kann. Und wenn, dann ginge es auf Kosten jener Patienten, die sich's nicht leisten können."

Diese Serie findet in Zusammenarbeit mit Peri Human, aber in völliger redaktioneller Freiheit statt.

 

Zur Person: Thomas Szekeres

Ärztekammerpräsident Der gebürtige Wiener ist seit Juni diesen Jahres Präsident der Österreichischen Ärztekammer, und bereits seit 2012 Präsident der Ärztekammer für Wien, deren Vorstandsmitglied er seit 2001 ist. An der Universität Wien promovierte Szekeres zum Doktor der gesamten Heilkunde, danach wurde er Facharzt für Med. & Chem. Labordiagnostik.

Der Werdegang Als weitere Stationen in seinem Berufsleben folgten unter anderem: Habilitation zum Universitätsdozenten für Klinische Chemie und Labordiagnostik, Ernennung zum Außerordentlichen Universitätsprofessor, Facharzt für Humangenetik, European Clinical Chemist sowie ein Ph.D. (Doktor phil).

Zur Person: Ulrike Mursch-Edlmayr

Erste Präsidentin Am 1. Juli 2017 wurde Mag. Dr. Mursch-Edlmayr zur Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer gewählt - als erste Frau in der siebzigjährigen Geschichte dieser Standesvertretung mit rund 6000 angestellten und selbstständigen Mitgliedern aus den rund 1400 Apotheken in unserem Land.

Der Werdegang Seit 2012 ist die Pharmazeutin Präsidentin der Apothekerkammer Oberösterreich, sie führt in Neuzeug (Ortsteil von Sierning) ihre Apotheke. Zuvor hatte die "Managerin des Jahres 2014" nach dem Studium der Pharmazie an der Universität Innsbruck die Forschungslaufbahn eingeschlagen.

Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer und Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, beim Gipfelgespräch im Serviten-Viertel mit dem KURIER ;