Die Ausbildung von Turnusärzten in der Lehrpraxis erfordert Idealismus, Zeit und Geld.
Der Lehrpraktikant kostet Zeit:
den Arzt:
denn dieser muß ihn ja parallel zur Ordination ausbilden
die Ordinationshilfen:
wenn der Arzt länger braucht, müssen auch die Ordinationshilfen länger Dienst machen
die Patienten:
längere Konsultationsdauer bedeutet längere Wartezeiten
ev. auch die Bedienerin, die länger am Abend da bleiben muß
Der Turnusarzt kostet Geld:
Erstens direkt z.B. infolge der Haftpflicht und Unfallversicherung.
Ev. auch infolge von Kosten für Essen u Quartier.
Zweitens indirekt dadurch, daß die Ordination länger dauert und hiedurch Personalkosten und sonstige Praxisunkosten (Strom, Heizung, etc.) entstehen.
denn seine Tätigkeit wird nicht entlohnt.
Die Lehrpraxis verändert die Arzt-Patientenbeziehung:
Der Turnusarzt macht aus der
2er-Beziehung:
Arzt – Patient
eine
3er Beziehung:
Arzt ------ Patient
\ Turnusarzt /
Die Anwesenheit allein, sowie die Fragen und die Handlungen des Turnusarztes beeinflussen das Arzt-Patientenverhältnis (sowohl positiv, als auch negativ). Dazu gehören ganz besonders auch die Möglichkeiten der sogenannten "non verbalen Kommunikation" z.B. zustimmendes Kopfnicken, ablehnendes Kopfwackeln oder zweifelndes Stirnrunzeln.
TopEr muss so reden und handeln, daß der Turnusarzt auch etwas davon hat; andererseits darf der Patient durch die Kommunikation zwischen Arzt und Assistent nicht irritiert werden. Der Arzt sieht sich selbst über die Schulter, er hinterfragt sein ärztliches Tun viel mehr als außerhalb der Lehrsituation. Durch die "Kontrolle" durch die jungen Mediziner fühlt er sich gezwungen, sich intensiv fortzubilden.
Der Lehrpraxisleiter muß pädagogische Fähigkeiten besonderer Art entwickeln:
Zwar erwartet man von jedem praktizierenden Arzt pädagogisches Können - wie sonst könnte er denn bei seinen Patienten "Compliance" bewirken? - aber das Dreiecksverhältnis in der Lehrpraxis erfordert sehr subtile Fertigkeiten. Jeder Patientenkontakt sollte letztlich für alle 3 (oder mehr?) Beteiligten einen Gewinn bringen.
TopUngeschickte oder unbedachte Fragen, Bemerkungen oder mimische Äußerungen des jungen Arztes können Peinlichkeiten, in schlimmen Fällen aber gar Katastrophen auslösen (z.B. bei unbefugter und unqualifizierter Beurteilung von Befunden oder im Gespräch mit Krebspatienten). Ungeschickte Handlungen (z.B. Blutabnahmen oder Injektionen) können den Patienten schädigen oder verärgern. Krass ist die Situation dann, wenn ein Turnusarzt unmotiviert oder gar desinteressiert ist. Das spüren die Patienten ebenso, wie sie das allzu interessierte Zusehen etwa beim Entkleiden als peinlich oder ärgerlich empfinden. Die genannten Situationen können durchaus zum Abwandern von Patienten führen.
TopAllein die Anwesenheit einer dritten Person (sei es der Assistent oder die Arzthilfe) wird von einem Teil der Patienten abgelehnt und ist ein Grund für den Praxiswechsel. Generell kann man sagen, daß der größte Teil nichts gegen die Anwesenheit eines Assistenten hat. Ein kleiner Teil aber lehnt dies ab. Teilweise prinzipiell, teilweise auch nur zu bestimmten Anlässen. (z.B., wenn über "heikle" Themen gesprochen werden soll.) Die Patienten, die die Anwesenheit des Turnusarztes nicht wünschen, teilen sich wieder in 2 Gruppen:
- Diejenigen, die das auch sagen, bei diesen gibt es keine Probleme.
- Diejenigen die nichts sagen, sind sehr wohl ein Problem: Denn sie rücken mit ihrem Anliegen nicht heraus, und sind dann frustriert.
- Manche Patienten haben Angst, "Versuchskaninchen" zu sein, also Furcht vor Eingriffen an ihren Körpern durch den Assistenten.
TopDas Sprechen des Assistenten mit den Patienten wird von diesen meist positiv bewertet. Unangenehm ist ein schweigender Assistent, der dem Patienten gegenübersitzend das Erscheinen des "Chefs" abwartet. Untersuchungen des Patienten durch den (ihm fremden) Assistenten werden durchaus toleriert (manchmal auch begrüßt) solange es sich nicht um die Intimsphäre handelt. Hier erwartet man, mit dem Hausarzt "allein" zu sein.
Eingriffe, wie Injektionen oder Blutabnahmen, könnten ein Problem sein:
Tut die i.m.-Spritze - verabreicht vom Hausarzt - einmal weh, na ja - Pech gehabt.
Tut die des Assistenten (genau so) weh, so war man das Versuchskaninchen - und erzählt dies fleißig an der Bassena und beim Greissler.
TopDer Jungmediziner - jahrelang mit Theorie gequält - sehnt sich danach, endlich als Arzt "tätig zu sein", also 'was zu machen'. Zusehen und Zuhören allein sind ihm zuwenig. Dabei nimmt er gerne (und das sollte er auch – aber nicht ausschließlich bzw. vorwiegend) auch Tätigkeiten wahr, die durch Arzthelferinnen, MTA-s oder Krankenschwestern üblicherweise verrichtet werden. Besonders gerne werden Laborbestimmungen im weitesten Sinne durchgeführt - soferne nicht nur der technische Akt sondern auch Mitverantwortung (und Einschulung) bei der Auswertung geboten werden.
TopEinerseits kann hier ein ureigener Bereich hausärztlicher Tätigkeit vermittelt werden, andererseits kann der Assistent optimal informiert werden: Auf der Hinfahrt können die zu erwartenden Probleme geschildert und der Lehrpraktikant vorbereitet werden, sodaß er dann beim Krankenbesuch selbst bereits sogenannte "Aha-Erlebnisse" haben kann. Er achtet auf Dinge und Umstände, die ihm ohne Vorbereitung wahrscheinlich nicht, oder nicht so deutlich aufgefallen wären. Auf der Weiterfahrt können dann in Ruhe und ohne Beisein von Patienten oder Angehörigen Fragen, die sich im Zuge der Konsultation ergaben, besprochen werden.
TopAuch die Ordinationshilfen werden durch den Praxisassistenten stark beeinflußt. Nicht nur, weil sie dadurch längere Dienstzeiten haben, sondern weil auch Sie als Instruktoren in Anspruch genommen werden. Diese Rolle übernehmen Arzthilfen zwar gerne, aber dadurch können auch Fehler entstehen. Vor allem dadurch, daß sie von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt werden und auf Dinge vergessen können oder bei konzentrationsfordernden Aufgaben z.B. beim Pipettieren im Labor oder beim Spritzen herrichten Fehler auftreten.
TopHausärzte habe bekanntermaßen wenig Zeit für die Familie. Diese Zeit wird durch die Lehrpraxis weiter reduziert. Wohnt und ißt der Assistent auch noch bei der Arztfamilie, so bedeutet seine Anwesenheit auch ein Eindringen in den Intimbereich der Familie, denn gerade das gemeinsame Essen ist die Möglichkeit par excellence für den Austausch von Gedanken und Mitteilungen im Rahmen des Familienlebens.
TopBei einer Ausbildungszeit von 3 Monaten ist der Assistent für die Praxis sicher deutlich mehr belastend als hilfreich. Dauert die Ausbildung 6 Monate, so könnte aber durchaus - wenigstens in den letzten 3 Monaten - ein Gewinn für die Praxis (und damit auch für unsere Patienten!) entstehen.
TopAllein der Kontakt mit jungen Ärzten mit jungen Ideen und jüngst erworbenem Wissen ist positiv.
Die Lehrpraxissituation bringt es mit sich, dass man auf einem "höheren Niveau" arbeiten muss. Unterrichten kann Freude bereiten.
Die Patienten meinen, dass eine Lehrpraxis eine bessere Praxis ist. Dadurch kommen mehr Patienten in die Praxis, wodurch der zuvor erwähnte Patientenschwund sicher wieder ausgeglichen wird.
Die Lehrpraxis vermittelt nicht nur demjenigen Studenten oder Arzt, der später selbst Hausarzt werden will, die gewünschten Kenntnisse und Fähigkeiten, sie ist auch ein ganz wichtiges Instrument zur Information jener Kollegen, die später Fachärzte werden, über das Wesen der Hausarztpraxis schlechthin.
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