Präsentation der Ergebnisse der Ärztekammerumfrage zum Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz

Wien, 20. Februar 2018 Im Jänner 2018 beging das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KA-AZG) sein mittlerweile dreijähriges Jubiläum. Bereits das erste Jahr unter der neuen Regelung war von massiven Protesten und Unzufriedenheit seitens der Wiener Spitalsärzte erfüllt, die 2016 in einem breitflächigen Warnstreik und öffentlichen Demonstrationen im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) gipfelten. Die Ärztekammer nahm dies zum Anlass, von 10. Jänner bis zum 4. Februar 2018 eine Evaluation der Umsetzung des KA-AZG seit den Ärzteprotesten im Herbst 2016 durchzuführen. Im Fokus der Umfrage standen unter anderem die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen beim ärztlichen Arbeitsaufwand, die Berücksichtigung der ärztlichen Ausbildung sowie die damit verbundene Qualität der Patientenversorgung.

Das seit drei Jahren bestehende KA-AZG sowie die seitdem immer wieder auftretenden Mängel in der Wiener Patientenversorgung sorgen sowohl bei Ärztinnen und Ärzten als auch bei Patienten immer wieder für Unmut. Die Ärztekammer wollte daher mittels Evaluation wissen, wie die Ärzteschaft die Situation seit den Spitalsärztedemonstrationen von 2016 einschätzt, ob mittlerweile die gesetzlichen Arbeitsbestimmungen eingehalten werden und wie es um die Qualität der Ausbildung in den Spitälern steht.

Von der Ärztekammer beauftragt wurde die unabhängige Beratungsfirma IFES – Institut für empirische Sozialforschung GmbH. Insgesamt wurden 4494 Kolleginnen und Kollegen elektronisch und anonym im KAV und in Wiener Privatspitälern befragt. Spitalsärzte im AKH wurden im Vorfeld separat befragt. Die Beteiligungsquote betrug 33 Prozent, das entspricht 1481 Ärztinnen und Ärzte. Davon entfielen allein 78 Prozent auf den KAV, das sind fast 40 Prozent aller dort befragten Mitarbeiter.

„Die Stichprobe ist repräsentativ und besitzt mit der aufgezeigten Rücklaufquote eine hohe Validität", kommentiert Hermann Wasserbacher, der für die Umfrage zuständige Geschäftsführer bei IFES, der auch betont: „Umfragen dieser Art, die eine Teilnahmequote von mehr als 30 Prozent aufweisen, sind höchst aussagekräftig."

Engagement der Ärztekammer bestätigt

Und hier die Ergebnisse: Im Rahmen der KA-AZG-Thematik wurden die Arbeit und der Einsatz der Ärztekammer als Interessen- und Standesvertretung der Ärzteschaft von den Kolleginnen und Kollegen in den Spitälern positiv bewertet. So fühlen sich 72 Prozent durch die Ärztekammer in puncto Arbeitszeitthemen ausreichend informiert.

Zwei Drittel (66 Prozent) der Ärztinnen und Ärzte empfinden sogar, dass sich ihre Situation seit den Demonstrationen im Herbst 2016 hinsichtlich Arbeitszeit verbessert hat. Diese Verbesserung spüren vermehrt jüngere Kolleginnen und Kollegen.

Wolfgang Weismüller, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien, sieht sich damit in der Arbeit der Ärztekammer bestätigt: „Wir freuen uns, dass uns die Kolleginnen und Kollegen ein derart gutes Zeugnis ausstellen." Die Ärztekammer habe stets die Interessen ihrer Mitglieder mit vollem Einsatz verteidigt, und „das wird auch in Zukunft so bleiben", versichert Weismüller.

Probleme im Nachtdienst im KAV weiterhin aktuell

Etwa neun von zehn Ärztinnen und Ärzten im KAV (86 Prozent) gaben an, Nachtdienste zu leisten. In anderen Krankenanstalten gaben nur drei von vier (74 Prozent) an, Nachtdienste zu leisten. Brisant wird es, wenn danach gefragt wird, ob man diese Nachtdienste auch rechtzeitig verlassen kann. Nur etwa 40 Prozent der Ärzteschaft können die Nachtdienste immer zeitgerecht verlassen.

Das Ergebnis unterscheidet sich kaum nach Alter, Geschlecht und Arbeitgeber – es betrifft also KAV und andere Spitäler gleichermaßen. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der KAV-Ärzte muss mindestens einmal pro Monat oder öfter nach den Nachtdiensten im Krankenhaus bleiben. Großteils fällt bis zu einer Stunde mehr Zeitaufwand an. Die drei Hauptgründe (Mehrfachnennungen möglich) sind Dienstübergaben (38 Prozent), administrative Tätigkeiten (28 Prozent) und die Patientenversorgung (26 Prozent).

„Unsere Kollegenschaft hat hier ein erschreckendes Bild an den Tag gelegt", kommentiert Weismüller und erklärt: „Wenn die Kolleginnen und Kollegen durch unnötige Bürokratie von ihrem Arbeitgeber länger als erlaubt zwangsbeschäftigt werden, dann ist das schlicht und einfach illegal."

Auch sei das ein Beweis für die massive Arbeitsverdichtung bei mangelndem Personal mit steigendem Patientenaufkommen. „Es ist daher nicht verwunderlich, wenn bei einem größerem Andrang Spitalsambulanzen vollkommen überfüllt sind", so Weismüller.

Attest für Tagdienste „dramatisch"

Noch schlimmer ist die Situation tagsüber: Nur jeder neunte Arzt kann nach geleistetem Tagdienst die Arbeit immer zeitgerecht verlassen, der Großteil muss länger bleiben (89 Prozent im KAV, 88 Prozent in anderen Krankenanstalten). Jüngere Ärztinnen und Ärzte bleiben tendenziell länger in der Arbeit als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen. „Das liegt daran, dass man sich auch noch Zeit für die Ausbildung nehmen muss", ergänzt Weismüller.

Mehr als ein Viertel der Spitalsärzte im KAV (27 Prozent) muss mehrmals pro Woche bis zu einer Stunde, maximal zwei Stunden länger im Dienst bleiben. Hauptgründe (Mehrfachnennungen möglich) für den zusätzlichen Zeitaufwand sind dort die Patientenversorgung (79 Prozent), administrative Tätigkeiten (54 Prozent) Dienstübergaben (20 Prozent) sowie die Fortbildung (14 Prozent).

„Tagsüber sehen wir vor allem das Problem der überlasteten Spitalsambulanzen und das hohe Patientenaufkommen", resümiert Weismüller die alarmierenden Zahlen und stellt fest: „Wir sind einfach zu wenige, um unsere Arbeit ohne Überstunden erledigen zu können." Die Situation werde daher sowohl für die Kollegenschaft als auch für die Patienten jeden Tag dramatischer und auch in der Nacht – „arbeitsrechtlich – illegaler".

Keine Aufzeichnung der Arbeitszeit

Teilweise illegal ist auch der Zustand bei der Aufzeichnung der Arbeitszeiten – vor allem im KAV. Fast die Hälfte (47 Prozent) der Spitalsärzte im KAV, bei denen Überstunden anfallen, führt diese nicht korrekt in der Arbeitsaufzeichnung an. In anderen Krankenanstalten zeichnen dagegen acht von zehn Ärztinnen und Ärzte, die Überstunden leisten, ihren Aufwand auf. Weismüller: „Der Wert in den Privatspitälern ist besser, aber auch nicht ideal."

Besorgniserregend für die fehlende Zeiterfassung sind die Gründe, die Spitalsärzte vor allem im KAV dafür angeben: Für 26 Prozent ist nicht klar geregelt, ob sie für bestimmte Arbeiten Überstunden aufschreiben dürfen. 16 Prozent gaben an, dass ihr Vorgesetzter von ihnen erwartet, keine Überstunden aufzuzeichnen, und 3 Prozent gaben sogar an, dass ihr Vorgesetzter die Aufzeichnung von Überstunden verbietet.

„Das Ergebnis ist für mich schockierend. Dieses offenbar absichtliche Drängen von Kolleginnen und Kollegen in die Illegalität ist untragbar," sagt Weismüller und fordert den KAV auf, „mit diesen arbeitsrechtlichen Missständen endlich aufzuräumen".

KAV–Ärzte arbeiten derzeit im Durchschnitt 46 Stunden statt der gesetzlich erlaubten 40. Damit ergebe sich laut den Ergebnissen der Umfrage eine Lücke von 120 Ärztinnen und Ärzten (Vollzeitäquivalenten), die fehlten.

Weismüller sieht hier als einzige rasche und nachhaltige Lösung die Einstellung von zusätzlichem ärztlichen Personal. „Dann ist auch mit den unbezahlten beziehungsweise sogenannten ‚schwarzen‘ Überstunden endlich Schluss". Dieser Ärztemangel werde mit den zu erwartenden steigenden Patientenzahlen ansonsten nur noch größer.

„Notfall" Ausbildung

Laut Umfrage ist etwa ein Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte (34 Prozent) in Ausbildung. Auf die Frage, ob sie innerhalb der vorgesehenen Arbeitszeit neben den herkömmlichen Routinetätigkeiten Zeit für Ihre Ausbildung haben, antworten 70 Prozent, dass ihnen meist die Möglichkeit für die Weiterbildung während ihrer regulären Arbeitszeit fehle.

„Die Ausbildung ist zu einem echten ‚Notfall‘ für uns Ärztinnen und Ärzten geworden", kommentiert Weismüller das schlechte Resultat. Die Ärztekammer sieht als Hauptgründe das hohe Patientenaufkommen sowie die Arbeitsverdichtung aufgrund von administrativen Tätigkeiten. Diese lassen keine Zeit für die Ausbildung zu oder verschieben diese in die illegale Zeit nach dem regulären Dienst. Auch hier müsse man „einen Schlussstrich ziehen", fordert der Vizepräsident.

Situation im AKH „nicht viel besser"

In einer gesonderten Umfrage im Vorfeld wurde das Wiener AKH ebenfalls zum KA-AZG befragt. Dort werden Dienstzeiten zwar eingehalten, Probleme gibt es aber bei der Einhaltung der Zeiten für Forschung und Lehrtätigkeiten. Hauptursachen sind auch hier eine steigende Patientenversorgung sowie eine damit einhergehende höhere Arbeitsbelastung.

Weismüller: „Die Forschung hat sich im AKH mittlerweile in die private Freizeit verschoben." Deswegen sieht die Ärztekammer auch hier die Ausbildung „nicht priorisiert genug" in der Organisationsstruktur des Trägers. „Selbst im AKH, wo die Lehre im Mittelpunkt stehen sollte, muss die Wissenschaft immer mehr dem wachsenden Arbeitsdruck weichen," kritisiert Weismüller. Das mache die Angelegenheit der Arbeitszeiten auch im AKH „nicht viel besser".

Anforderungen an die Spitalsversorgung in Wien

Aus den Ergebnissen der Umfrage resultierend hat die Wiener Ärztekammer ein Forderungspaket an die Politik und Spitalsträger, insbesondere den KAV, erstellt.

Die Forderungen der Ärztekammer im Überblick:

  • Das Ergebnis der Umfrage zeigt eklatante Lücken in der Personalausstattung der Spitalsträger, insbesondere im KAV. Die Ärztekammer fordert daher die rasche Aufstockung des ärztlichen Personals – Wiens Spitäler brauchen deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte!
  • Organisationskultur und Mitarbeiterführung in den Spitälern zeigen nach wie vor große Schwächen auf. Bereits zugesagte Reformen werden zu langsam umgesetzt – Der administrative Aufwand für Ärztinnen und Ärzte muss geringer werden!
  • Die Zentralen Notaufnahmen im KAV sind nach wie vor nicht implementiert. Die Ärztekammer fordert ehestmöglich die Umsetzung der Zentralen Notaufnahmen, die eine essenzielle Voraussetzung darstellen, um eine rasche und qualitätsgerechte Erstversorgung der Patienten zu gewährleisten – Die Patienten brauchen die Zentralen Notaufnahmen sofort!

„Unsere Kolleginnen und Kollegen haben uns in dieser Umfrage einen deutlichen Auftrag gegeben", resümiert Weismüller. „Die Ärztekammer nimmt dieses Ergebnis natürlich sehr ernst und sieht sich abermals gezwungen, unmissverständliche Forderungen an die Politik und die Spitalsträger zu stellen. Wir fordern diese auf, unsere Forderungen so rasch wie möglich umzusetzen."

 

Ihre Gesprächspartner:

Dr. Wolfgang Weismüller

Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien

Telefon:         0676/882 882 10
E-Mail:           weismueller@aekwien.at

Hermann Wasserbacher

Geschäftsführer IFES – Institut für empirische Sozialforschung GmbH

Telefon:         0664/132 65 05
E-Mail:           hermann.wasserbacher@ifes.at

 

Kontakt für Journalisten-Rückfragen:

Ärztekammer für Wien, Mag. Alexandros Stavrou

Telefon: 01/515 01-1224 DW,  0664/3468309, Fax: 01/512 60 23-1224,

E-Mail: stavrou@aekwien.at

 

online-Medienservice der Ärztekammer für Wien: www.aekwien-medienservice.at

 

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