Primärversorgung: Bundesweiter Gesamtvertrag für Primärversorgungseinheiten abgeschlossen

Steinhart/Biach: „Neben Hausärzten nun ein zusätzliches breites Spektrum an Versorgung"

Gestern, Dienstag, ist es der Österreichischen Ärztekammer und dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger gelungen, den bundesweiten Gesamtvertrag für Primärversorgungseinheiten (PVE) erfolgreich abzuschließen. Sowohl Johannes Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte der Österreichischen Ärztekammer als auch Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, setzen damit einen „Meilenstein zu Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Österreich".

Die Vereinbarungen gelten vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Gremien.

Der Weg bis zum Gesamtvertrag hat mehr als fünf Jahre gedauert. Am 1. April 2015 hatte der erste PVE-Pilot in Wien-Mariahilf eröffnet, zwei Jahre später wurde das Primärversorgungsgesetz mit den entsprechenden Grundlagen und Eckpfeilern beschlossen. Bis dato sind insgesamt 14 PVE in vier Bundesländern (Wien, Oberösterreich, Steiermark und Niederösterreich) entstanden, weitere PVE befinden sich österreichweit in Umsetzung.

Der bundesweite PVE-Gesamtvertrag ist als Rahmenvertrag zu verstehen. Er gibt die Eckpunkte zur neuen teambasierten Primärversorgung vor, lässt aber genügend Raum für regionale Ausgestaltung, um auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und den in den PVE arbeitenden Berufsgruppen bestmöglich eingehen zu können.

Die Vorteile liegen dabei auf der Hand: Ein breiter Versorgungsauftrag, auch abgestimmt zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung, ist damit endgültig sichergestellt. Ärzteschaft sowie Patientinnen und Patienten gewinnen mehr Zeit für ausführliche Patientengespräche, Hausbesuche, Prävention und Gesundheitsförderung. Außerdem ergeben sich nun besondere Versorgungsaufträge für Kinder und Jugendliche, ältere Menschen und chronisch Kranke, die von ganzjährigen Öffnungszeiten sowie der Betreuung durch ein Team profitieren können.

Die Versorgungsauswirkung durch die PVE wird für Patientinnen und Patienten deutlich spürbar sein: Je nach Größe behandeln die bestehenden Piloten zwischen 3000 und 7000 Patientinnen und Patienten im Quartal. Ziel ist es, mit den nun geplanten 75 PVE österreichweit 10 Prozent der Bevölkerung zu versorgen, ein weiterer Ausbau ist vorgesehen. Im Schnitt arbeiten zwischen drei und fünf Ärztinnen und Ärzte in PVE – hochgerechnet auf 75 PVE macht das 300 bis 400 Allgemeinmediziner in PVE, mögliche Kinderärzte noch nicht mitgerechnet.

„Herausforderung PVE bravourös gemeistert"

„Auch Sicht der Ärzteschaft war es die größte Herausforderung, die sehr heterogene allgemeinmedizinische Versorgungsstruktur in einem österreichweiten Gesamtvertrag bestmöglich abzubilden – nicht zuletzt deshalb, weil eine allgemeinmedizinische Versorgung am Land beziehungsweise in einem alpinen Tal ganz anders aussieht als in einer Millionenstadt wie Wien", erklärt Johannes Steinhart. In keinem anderen Fachgebiet sei dieser Unterschied so deutlich spürbar wie in der Allgemeinmedizin.

„Mir ist besonders wichtig, dass Primärversorgungseinheiten neben den weiter existierenden Hausärzten und den Gruppenpraxen nur eine Spielart der Primärversorgung sind und den Hausarzt nicht ersetzen, sondern ihn ergänzen", betont Steinhart. Die überwiegende Versorgung werde weiter bei den Hausärzten liegen, weshalb dieser Vertrag die Aufwertung der Hausärzte nicht ersetzen könne. Steinhart: „Für die Ärztekammer gilt, den Kolleginnen und Kollegen Optionen zu ermöglichen, die sie dann individuell nützen können. Das wurde mit dem neuen Vertrag entsprechend umgesetzt." Dazu trägt auch die Möglichkeit von PVE in Form der Vernetzung mehrerer Einzelordinationen untereinander sowie mit nicht ärztlichen Leistungen bei, ohne dass diese unter einem Dach angeboten werden.

„Wohnortnahe Versorgung für Menschen ermöglicht"

„Hinter diesem Verhandlungserfolg stehen neue Kooperationsmodelle, bei denen sich mehrere Ärztinnen und Ärzte mit Gesundheitsberufen zusammenschließen und gemeinsam arbeiten können", sagt dazu Alexander Biach. Hausärzte würden nun gestärkt und gleichzeitig entlastet werden, denn sie könnten künftig in Teams arbeiten und so Familie und Beruf besser vereinbaren.

Die Vorteile für die Menschen in Österreich sind auch für Biach eindeutig: „Mit der Primärversorgung rückt die medizinische Versorgung direkt vor die Haustür der Menschen – sie müssen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit in ein Spital fahren, sondern haben persönliche Betreuung vor Ort." Persönliche Betreuung und das vertraute Gespräch mit dem Arzt ist für Biach nun noch besser mit ausgedehnten Öffnungszeiten bis zu 50 Stunden pro Woche gegeben.

Für beide Verhandlungspartner ist dieser Gesamtvertrag ein großer Erfolg, der nur noch durch die jeweiligen Gremien auf regionaler Ebene bestätigt werden muss. „Gemeinsam ist es gelungen, eine völlig neue Versorgungsform für ganz Österreich verfügbar zu machen. Gefordert sind jetzt die lokalen Sozialversicherungsträger und vor allem die Länder, damit möglichst rasch die regionalen Honorarvereinbarungen abgeschlossen werden können. Dann könnten durchaus noch heuer weitere Primärversorgungseinheiten in Österreich entstehen", so Steinhart und Biach abschließend. (ast)