Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport zeigt Reformbedarf auf

Forderungen der Ärztekammer nach 600 zusätzlichen Ärztinnen und Ärzten für Wien bestätigt

Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde heute, Donnerstag, der Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport 2019 präsentiert. Darin wird das Wiener Gesundheitssystem aus Perspektive der Patienten, Ärzteschaft, Politik sowie Wirtschaft beleuchtet.

Für Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres zeigen die Ergebnisse des Reports deutlich, dass „endlich alle Gesundheitsberufe in alle gesundheits- und sozialpolitischen Entscheidungsprozesse miteingebunden gehören. Auch wird unsere Forderung nach mehr Ärztinnen und Ärzten in Wien – konkret geht es um 300 zusätzliche Kassenärzte sowie 300 zusätzliche Spitalsärzte – bestätigt". Weiters müsse es zu einer tatsächlichen Entbürokratisierung im Gesundheitsbereich kommen, „damit wir Ärztinnen und Ärzte wieder mehr unserer Arbeitszeit auch tatsächlich den Patienten widmen können", betont Szekeres.

In der Diskussion über überlastete Spitalsambulanzen weist der Ärztekammerpräsident darauf hin, dass es diesbezüglich auch zu einer intramuralen Entlastung derselben kommen müsse. Szekeres: „Wir fordern diesbezüglich etwa allgemeinmedizinische Akutordinationen für alle Wiener Spitäler, ähnlich der Allgemeinmedizinischen Akutordination AMA im Wiener AKH, die vom Ärztefunkdienst erfolgreich betrieben wird und jedes Jahr in etwa 20.000 Patienten betreut und dadurch die AKH-Notaufnahme massiv entlastet." Der Ärztefunkdienst wäre auch bereit, solche AMAs in anderen Spitälern zu betreiben.

Arbeitsverdichtung ist großes Problemfeld

Der Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport umfasst eine systematische Aufarbeitung ausgewählter Rahmenbedingungen und Bereiche der Wiener Gesundheitsinfrastruktur mit den wesentlichen Kennzahlen zur demografischen Entwicklung, zur stationären und niedergelassenen medizinischen Versorgung, zu Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens, zu Digitalisierung und e-Health, den bestehenden Gesundheitshotlines in Wien sowie der öffentlichen Erreichbarkeit der Krankenanstalten in Wien. Im Rahmen der Erstellung des Reports wurde unter anderem eine qualitative Studie unter Experten und Stakeholdern der Wiener Gesundheitsinfrastruktur durchgeführt. „Diese zeigt, dass der allgemeine Status der Gesundheitsinfrastruktur in Wien gut entwickelt ist. Kritisch wird aber etwa die Arbeitsverdichtung für die Ärzteschaft gesehen, und die Pflege als integraler Teil des Gesundheitswesens sollte ausgebaut werden", so Studienautor David Ungar-Klein.

Hinsichtlich der Digitalisierung des Gesundheitswesens prägen ambivalente Erwartungen das Bild: Den Vorteilen einer personalisierten Medizin stehen erhebliche Bedenken bei der Datensicherheit sowie ein bürokratischer Mehraufwand entgegen.

Hoher Weiterentwicklungsbedarf

Die Ergebnisse der Erhebung unter Patienten, Ärzten sowie Vertretern der Wirtschaft zeigen auch, dass quer über die Wiener Gesundheitsinfrastruktur hinweg ein deutlicher Weiterentwicklungsbedarf gesehen wird. So werden etwa ein Mangel bei Planung und Strategie sowie mangelnde Kompetenz der politisch Verantwortlichen am häufigsten genannt. Gleich dahinter kommen der administrative Aufwand und die Bürokratie. Die Umfrage bestätigte längst bekannte Wahrnehmungen der Patienten sowie der Ärzteschaft, etwa zu wenig Zeit für die Patienten durch höheren Bürokratieaufwand sowie mehr Patienten und weniger Kassen- und Spitalsärzte und dadurch bedingt auch längere Wartezeiten und überfüllte Spitalsambulanzen.

In der Erhebung wurde auch der Reformbedarf des Wiener Gesundheitssystems erfragt. Hier wurden vorrangig der Ausbau stationärer und mobiler Pflegeeinrichtungen, die Förderung der Gesundheitsprävention, eine bessere Koordination der verschiedenen Gesundheitseinrichtungen sowie mehr Ärztinnen und Ärzte genannt.

Demografie bringt große Herausforderungen mit sich

In der volkswirtschaftlichen Analyse des Wiener Gesundheitssystems durch Bernhard Felderer, den ehemaligen Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) und ehemaligen Präsident des österreichischen Fiskalrates, wurden Demografie, Organisation und Effizienz untersucht. Gerade die demografische Entwicklung mit einer immer älter werdenden Bevölkerung werde das System vor große Herausforderungen stellen – schon einmal deswegen, weil die Gesundheitsausgaben im letzten Lebensjahr mit jedem Monat weiter ansteigen und dieser Abschnitt des Lebens höhere Ausgaben als die gesamten vorangegangenen Lebensjahre verursacht, so Felderer.

Dieses Phänomen werde auch für die Gesundheitsversorgung in Wien entsprechende Anpassungen erfordern. In punkto Organisation seien die, vor allem an Wochenenden, massiv überfüllten Spitalsambulanzen ein Problem. Felderer: „In diesem Zusammenhang ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht geboten, die Effizienzpotenziale des Gesundheitswesens zu heben, um die medizinische Versorgung einer alternden Gesellschaft besser bewältigen zu können." (bs)