null Warnung vor Mangelversorgung im Wiener Gesundheitssystem

Warnung vor Mangelversorgung im Wiener Gesundheitssystem


Vizepräsidenten Ferenci und Huber für Reform der medizinischen Ausbildung – Ausgliederung des WiGeV und PVE-Modell für Kinderärzte gefordert

Für Stefan Ferenci, neuer Obmann der Kurie angestellte Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, ist ein Umstand, der Wien zu „einer der lebenswertesten Städte der Welt macht“, sicher auch „das an sich hervorragendes Gesundheitssystem“. Wiens Spitäler waren immer ein Garant dafür, dass jede und jeder, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, bei Bedarf Spitzenmedizin erhalten hat. „Aber in den letzten Jahren hat das System angefangen, zu bröckeln. Wartezeiten auf notwendige Behandlungen und Operationen nehmen zu, und in vielen Bereichen findet nur mehr eine Mangelversorgung statt“, warnt Ferenci. 
 
Zur Behebung der bestehenden Mängel brauche es rasche Initiativen. Ferenci: „An erster Stelle steht dabei der Faktor Zeit – mehr Zeit für Ausbildung, mehr Zeit für Patientinnen und Patienten und mehr Zeit für die Regeneration des Gesundheitspersonals.“ Dazu gehöre zu allererst ein effektiver Bürokratieabbau im Spitalsalltag, damit die Ärzteschaft weniger Zeit für bürokratischen Papierarbeiten aufbringen müsse. 

Dringend nötig sei auch eine Reform der medizinischen Ausbildung in den Spitälern. Derzeit finde diese wegen zeitlicher und finanzieller Ressourcenknappheit eher „nebenbei“ statt. „Eine gute Ausbildung funktioniert aber nur unter direkter Supervision einer Fachärztin oder eines Facharztes, daher benötigen wir keine Erhöhung des Ausbildungsschlüssels, sondern deutlich mehr Fachärztinnen und Fachärzte“, so Ferenci. Als erste schnell umsetzbare Maßnahme im Bereich der Ausbildung fordert Ferenci daher die Abschaffung der Basisausbildung, um den jungen Kolleginnen und Kollegen den raschen Einstieg in ihr Wunschfach zu ermöglichen.

Neben mehr Ärztinnen und Ärzten für Wiens Spitälern müsse auch an einer Attraktivierung der Arbeitsbedingungen gearbeitet werden. Ferenci: „Für entsprechende Verbesserungen ist die Personal- und Finanzhoheit des Wiener Gesundheitsverbunds WiGeV nötig. Daher fordere ich die Stärkung des WiGeV durch dessen Ausgliederung, damit er schnell und flexibel auf Probleme reagieren kann, bevor sie ein Ausmaß annehmen, das nur unter massivem Kostenaufwand bewältigbar ist.“ Dass es bei entsprechendem Reformwillen und einem Miteinander aller Beteiligten zu guten Ergebnissen im Gesundheitsbereich kommen kann, zeige sich auch daran, dass die effektivste Maßnahme der letzten Jahre zur Entlastung des Spitalspersonals durch die Kooperation der Stadt Wien mit der Ärztekammer entstanden ist: „Die den Gemeindespitälern vorgelagerten Erstversorgungsambulanzen EVA, betrieben vom Ärztefunkdienst, sorgen dafür, dass Patientenströme rasch erstversorgt und danach direkt zu den richtigen Stellen weitergeleitet werden. Das zeigt, dass wir nur miteinander Wiens Spitäler zu dem attraktiven Arbeitsplatz machen können, der er früher einmal war – zum Vorteil der Ärztinnen und Ärzte, aber vor allem zum Vorteil der Patientinnen und Patienten!“

Schwerpunkt Ausbildungsordinationen

Auch Erik Randall Huber, neuer Obmann der Kurie niedergelassen Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, fordert eine Ausbildungsreform: „Ein Schwerpunkt muss künftig direkt in Ausbildungsordinationen etabliert werden.“ Eine zweijährige Ausbildung in Ausbildungsordinationen hätte viele Vorteile: „Die angehenden Ärztinnen und Ärzte lernen dabei Krankheitsbilder kennen, die sie im Spital in dieser Vielfalt nicht erleben. Mit diesem umfangreichen Basiswissen ausgestattet, können sie danach im Spitalsbereich auch besser eingesetzt werden und erhalten so jene Aufmerksamkeit, die ihnen derzeit oft nicht gegeben wird.“

Die aktuelle Wahlarztdebatte hält Huber für entbehrlich und seitens der Kritiker für unüberlegt: „Die Zerschlagung des gut funktionierenden dualen Systems von Kassen- und Wahlarztordinationen hätte nur zur Folge, dass jene Patientinnen und Patienten, die derzeit Wahlarztordinationen aufsuchen und danach 80 Prozent des ÖGK-Honorars rückerstattet bekommen, sich nach anderen Optionen für ihre Gesundheitsversorgung umsehen müssten. Nur gibt es diese Optionen nicht.“ Stattdessen sollte die ÖGK besser an der Attraktivierung der Arbeits- und Versorgungsbedingungen im niedergelassenen Bereich aktiv mitarbeiten. Allein die Honorierung der Kassenärztinnen und -ärzte durch die Sozialversicherung entspreche nicht dem Aufwand ihrer Leistung. Das beste Beispiel: „Die Honorare für die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen wurden seit 28 Jahren nicht einmal der Inflation angepasst“.

Der durch Versäumnisse der Politik und Sozialversicherung verursachte Rückgang der Zahl an Kassenordinationen betrifft fast alle Fachrichtungen. Gab es 2010 in Wien noch 1.745 Kassenordinationen, so waren es 2021 nur noch 1.592 – bei einer gestiegenen Bevölkerungszahl um 200.000 Personen, was der Größenordnung von Linz entspricht. Es sei nicht nachvollziehbar, warum derart viele Überlegungen darum kreisen, Wahlärztinnen und -ärzte abzuschaffen und damit die Patientinnen und Patienten zu bestrafen, „anstatt unsere vielen Vorschläge aufzugreifen, wie der Kassenbereich attraktiver gestaltet werden kann“, so Huber. 

So sollte etwa das PVE-Modell für Allgemeinmedizin für Kinderärztinnen und -ärzte ermöglicht werden. Huber: „Das Konzept dafür haben wir entwickelt, es liegt an der ÖGK, es umzusetzen.“ Ebenso müssten seitens der Stadt Wien die Fördermodelle für Niederlassungsgründungen erweitert werden, und auch Umstiegsprämien für Wahlärztinnen und -ärzte seien denkbar, um diesen einen Anreiz zu bieten, offene Kassenplanstellen zu übernehmen. (hpp/bs)

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