Politische Forderungen der Kurie angestellte Ärzte

Herausforderungen
Die Belastung der Wiener Spitalsärztinnen und -ärzte steigt massiv. Immer mehr Patientinnen und Patienten sind zu betreuen, gleichzeitig bleibt die Zahl der Spitalsfachärzte gleich, die Zahl der Arbeitsstunden sinkt. Und die Arbeitsbedingungen sind nicht attraktiv genug für junge Fachärzte, um zu bleiben. Laut dem Regionalem Strukturplan für Wien 2019 fehlen 480 Ärztinnen und Ärzte in der Bundeshauptstadt. (https://www.wien.gv.at/gesundheit/einrichtungen/gesundheitsfonds/rsg.html)

 
Die Gründe für dieses Defizit im Einzelnen:
 
1. Mehr Patientinnen und Patienten
Die Bevölkerungszahl Wiens ist in den letzten acht Jahren um rund 200.000 Menschen gewachsen.
Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Linz. In absoluten Zahlen stieg die Zahl der Einwohner von 1.689.995 im Jahr 2010 auf 1.888.776 im Jahr 2018, also um 11,8 %. In etwa gleicher Relation ist die Zahl der stationären Aufnahmen in Wiens Spitälern gestiegen: von 624.817 im Jahr 2010 auf 683.669 im Jahr 2017, das sind plus 9,4 %. Hinzu kommt, dass die Wiener Spitäler auch aus der Umgebung der Stadt schwere Krankheitsfälle aufnehmen: 2016 waren 21,4 % der Aufnahmen in den Gemeindespitälern Einwohner aus anderen Bundesländern. Niederösterreich sticht besonders hervor: 23,6 % der Niederösterreicher wurden 2017 in Wien stationär versorgt, unter den niederösterreichischen Krebspatienten lag der Anteil sogar bei 47,8 %.
 
 
Quellen: Stadt Wien/Statistik Austria (https://bit.ly/2TcUxu4), BMASGK (https://bit.ly/2tRMgws), Statistik Austria (https://bit.ly/2HtgFcH) und BMASGK (http://www.kaz.bmgf.gv.at)
 
2. Neues Arbeitszeitgesetz
Die Wiener Spitalsärzte stehen ihren Patienten heute von Gesetz wegen im Durchschnitt um rund 17 % weniger Stunden zur Verfügung.
Durch das 2015 in Kraft getretene Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KA-AZG) hat sich die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit – in Hinblick auf die Work-Life-Balance der Ärztinnen und Ärzte erfreulicherweise – von 55 Stunden auf 46 Stunden reduziert. Gleichzeitig ist die Zahl der Ärzte in Wiens Gemeindespitälern aber fast unverändert geblieben: 3.578
im Jahr 2010 gegenüber 3.603 im Jahr 2018. Die Gesamtzahl der Arztstunden in KAV-Spitälern pro Woche ist von 190.315 im Jahr 2010 auf 158.510 im Jahr 2018 gesunken, das ist ein Minus von 31.805 Stunden oder 16,7 Prozent. Allein durch die Reduktion in Folge des KA-AZG fehlen 651 Spitalsärztinnen und -ärzte (Vollzeitäquivalente).
 
 
Quellen: BMASGK (https://bit.ly/2ThyLph) und Ärztekammer für Wien
 
3. Die anstehende Pensionierungswelle
In den nächsten zehn Jahren geht rund ein Drittel aller Wiener Spitalsärzte in Pension.
Von den aktuell 6.896 Spitalsärztinnen und -ärzten erreichen 2.307, das sind 33,5 Prozent, bis 2028 ihr Pensionsalter. Das liegt aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge um 1960 herum klar über dem langjährigen Vergleich. Überdurchschnittlich stark betroffen sind die Fachrichtungen Anästhesiologie und Psychiatrie (Pensionierungsrate jeweils rund 39 Prozent).
 
 
Quelle: Ärztekammer für Wien (Zahlen von Jänner 2019)
 
4. Einkommensnachteile
Spitalsärzte verdienen durchschnittlich nur rund die Hälfte ihrer Kollegen im niedergelassenen Bereich.
Das Bruttogehalt eines Wiener Spitalsfacharztes lag im Jahr 2014 durchschnittlich bei 53,5 % des Einkommens vor Steuern, das ein niedergelassener Arzt in Wien im gleichen Jahr erzielte. Der massive Einkommensunterschied sorgt für einen Trend weg von den Spitälern hin in den niedergelassenen Bereich, insbesondere hin zu einer Wahlarztpraxis: Die Zahl der Wahlärzte ist im Zeitraum von 2010 bis 2018 von 3.036 auf 3.741 gestiegen, also um 23,2 %.
 
Quellen: Ärztekammer für Wien
 
Auswirkungen
Diese massive Mehrbelastung hat dramatische Auswirkungen auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Hier ein paar Beispiele:
• Die Wartezeit auf eine Bandscheibenoperation liegt derzeit zwischen 66 Tagen (AKH) und 140 Tagen (Rudolfstiftung).
• 1.162 Personen warten derzeit im KH Hietzing auf eine Graue-Star-Operation, im AKH sind es 916, in der Rudolfstiftung 578 Menschen. Die Wartezeit beläuft sich in diesen Krankenanstalten auf 94 bis 120 Tage.
• Intensivstation der Neonatologie-Abteilung in Kaiser-Franz-Josef-Spital wegen Fachärztemangels geschlossen
 
 
Lösungen
Der Wunsch der Wiener Spitalsärztinnen und -ärzte ist es, mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten zu haben. Um das zu erreichen und die angeführten Herausforderungen zu bewältigen, sehen wir folgende Lösungsansätze:
 
1. Mehr Fachärzte
• Aufstockung in einem ersten Schritt um mindestens 300 Spitals-Fachärzte in Wien, um den Akutmangel zu decken
• transparente, bedarfsgerechte Personalplanung basierend auf einer 40-Stunden-Woche
• entpolitisierte Postenbesetzung in allen Bereichen und auf allen hierarchischen Ebenen
• vorausschauende Planung in Hinsicht auf die Altersstruktur der Abteilung
 
2. Marktgerechte Gehälter
• schrittweise Anpassung an das Einkommensniveau der niedergelassenen Fachärzte (mit Kassenvertrag)
• in einem ersten Schritt Erhöhung der Grundgehälter um 30 Prozent
 
3. Bessere Arbeitsbedingungen
• Schaffung von Arbeitszeitmodellen, die sich an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Ärzteschaft orientieren (temporäre Teilzeitmodelle für Kinderbetreuung, Fortbildung bzw. Altersteilzeit; „echte 40-Stunden-Woche")
• mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen für die ärztliche Aus- und Weiterbildung sowohl für Ausbildner als auch Auszubildende
• „Fortbildungstausender" (1.000 Euro pro Arzt pro Jahr für Fortbildung)
• gesetzlicher Anspruch auf Fortbildungstage für Turnusärzte (analog zu den Fachärzten)
• Entbürokratisierung: Dokumentationsassistenz als Unterstützung für das ärztliche Personal
• Infrastrukturmilliarde für die Spitäler
• Umsetzung der Zentralen Notaufnahmen inklusive Implementierung von Allgemeinmedizinischen Akutordinationen (AMAs) an allen Wiener Schwerpunktkrankenhäusern
• fortlaufende Anstellung der Ausbildungsärzte für Allgemeinmedizin während der verpflichtenden Lehrpraxis, um ihre Rückkehr ins Spital zu erleichtern
 
Zusammengefasst in einem kompakten Forderungskatalog:
• Aufstockung in einem ersten Schritt um mindestens 300 Spitals-Fachärzte in Wien, um den Akutmangel zu decken
• schrittweise Anpassung an das Einkommensniveau der niedergelassenen Fachärzte (mit Kassenvertrag)
• „Fortbildungstausender" (1.000 Euro pro Arzt pro Jahr für Fortbildung)
• Infrastrukturmilliarde für die Spitäler
• Umsetzung der Zentralen Notaufnahmen inklusive AMAs

Kontakt

Dr. Wolfgang Weismüller

Dr. Wolfgang Weismüller

Vizepräsident