Pressekonferenzen
Medikamentenabgabe in Ordinationen verbessert Patientenversorgung
„Wir sehen die Medikamentenabgabe als sinnvolle Ergänzung, die sich positiv auf die Patientenversorgung auswirkt.
Relevante therapeutische Aspekte hängen davon ab, ob ein Medikament unmittelbar und ohne Barrieren verfügbar ist.“
Johannes Steinhart
Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Medikamentenabgabe in Ordinationen führt zu schnellerem Therapiebeginn und macht den Arztberuf deutlich attraktiver
Durch die Medikamentenversorgung direkt bei der behandelnden Ärztin bzw. dem behandelnden Arzt werden Ordinationen zum zentralen Versorgungspunkt. Zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener wollen Medikamente auch direkt bei der Ärztin bzw. dem Arzt erhalten können. Sechs von zehn der befragten Wiener Ärztinnen und Ärzte wünschen sich die Möglichkeit zu dispensieren, also direkt in ihrer Ordination Medikamente abzugeben. Unter der Voraussetzung des Dispensierrechts wären 42 Prozent bereit, Randzeiten abzudecken, und ein Drittel sogar die Öffnungszeiten generell auszuweiten. Vor allem für junge Wahlärztinnen und -ärzte wäre die Medikamentenabgabe eine Motivation ins Kassensystem zu wechseln. Um den Bedarf und das Potenzial einer Medikamentenabgabe in den Ordinationen zu erheben, wurde im Auftrag der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien im März 2026 von Peter Hajek 1.021 Wiener Ärztinnen und Ärzte aus dem Kassen- und Wahlarztsystem befragt.
Die Ergebnisse im Detail:
- 61 Prozent aller befragten Ärztinnen und Ärzte in Wien wollen Medikamente direkt in ihrer Ordination abgeben. Besonders hohe Zustimmung bei:
- jungen Ärztinnen und Ärzten (30-39 Jahre: 83%, 40-49 Jahre: 71%, 50-59 Jahre: 63%, 60+: 49%)
- Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern (69%)
- Kassenordinationen (68%)
- 42 Prozent würden dafür Randzeiten abdecken
- 33 Prozent wären bereit, Öffnungszeiten zu erweitern
- Für 12 Prozent aller Wahlärztinnen und -ärzte wäre die Medikamentenabgabe in den Ordinationen eine Motivation ins Kassensystem zu wechseln. Insbesondere für:
- 39 Prozent der unter 40-jährigen Wahlärztinnen und -ärzte.
- Jede fünfte bzw. jeden fünften Allgemeinmedizinerin und -mediziner (21%).
- 43 Prozent wären an einem Pilotprojekt Besonders groß ist das Interesse bei:
- Kassenärztinnen und Kassenärzten (62%)
- Unter 40-jährigen Ärztinnen und Ärzten (68%)
- Vorteile der Medikamentenabgabe aus Sicht der Ärzteschaft:
- Zeitersparnis (76%)
- schnellerer Therapiebeginn (75%)
- höhere Patientenzufriedenheit (74%)
- Wirtschaftliche Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle: nur 37 Prozent nennen dies als Vorteil.
- Als größtes Hindernis wird klar der organisatorische bzw. bürokratische Aufwand (54%) gesehen; Lagerlogistik (18%) ist auf Platz zwei.
One-Stop-Konzept für bessere Therapietreue
Eine moderne Gesundheitsversorgung muss darauf abzielen, Abläufe für die Bevölkerung zu vereinfachen und Wege zu verkürzen. „Ein One-Stop-Konzept in Ordinationen, bei dem Patientinnen und Patienten sowohl ärztliche Beratung als auch Medikamente direkt erhalten, führt zu einer deutlichen organisatorischen und zeitlichen Entlastung“, sagt Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – ob mit oder ohne Kassenvertrag – sollen das gesetzlich verbriefte Recht, das sogenannte Dispensierrecht, zur direkten Abgabe apotheken- und verschreibungspflichtiger Arzneimittel in ihren Ordinationen erhalten. „Wir sehen die Medikamentenabgabe als sinnvolle Ergänzung, die sich positiv auf die Patientenversorgung auswirkt. Relevante therapeutische Aspekte hängen davon ab, ob ein Medikament unmittelbar und ohne Barrieren verfügbar ist.“ Internationale Studien[1] zeigen, dass etwa zehn bis 25 Prozent der neu verschriebenen Rezepte nicht eingelöst werden. In Österreich zeigen erste Auswertungen[2] zur Einführung der elektronischen Medikationsliste und e‑Rezepte, dass etwa rund jedes zehnte rezeptpflichtige Medikament nicht in der Apotheke abgeholt wird. „Die direkte Abgabe in der Ordination kann diese Lücke schließen und die Therapietreue deutlich verbessern“, sagt Steinhart.
Patientenversorgung ohne Umwege
Besonders an Randzeiten sind Patientinnen und Patienten immer wieder damit konfrontiert, die verschriebenen Medikamente nicht mehr abholen zu können. „Wenn Patientinnen und Patienten das Medikament direkt nach dem Arztgespräch mitnehmen können, sichert das einen sofortigen Therapiebeginn ohne Umwege,“ sagt Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Darüber hinaus erspart die direkte Abgabe kranken Menschen, chronisch Kranken oder Eltern mit kleinen Kindern oft lange Wege bis zur nächsten diensthabenden Apotheke, reduziert das Ansteckungsrisiko und erhöht die Diskretion. „Nicht nur für alte, sondern auch für kranke Menschen ist jeder Schritt und zusätzliche Weg eine große Belastung“, erklärt Kamaleyan-Schmied. „In der Praxis machen wir außerdem die Erfahrung, dass insbesondere Menschen mit stigmatisierenden Erkrankungen den Weg in die Apotheke scheuen und lieber im diskreten Behandlungsraum bleiben.“
Angesichts der demografischen Entwicklung und einer steigenden Zahl älterer Patientinnen und Patienten gewinnt die direkte Medikamentenabgabe auch im Rahmen von Hausbesuchen an Bedeutung.
Medikamentenabgabe als entscheidender Hebel für Kassensystem
Erweiterte Öffnungszeiten, mehr Versorgung an Randzeiten und Wechsel ins Kassensystem – die Möglichkeit der Medikamentenabgabe in den Ordinationen würde die Patientenversorgung in vielen Bereichen stärken. „Wir sehen in den Studienergebnissen ein enormes Potenzial, die Patientenversorgung zu verbessern und gleichzeitig den Beruf attraktiver zu machen“, sagt Kamaleyan-Schmied. Für jede fünfte Allgemeinmedizinerin und jeden fünften Allgemeinmediziner wäre die Medikamentenabgabe in der Ordination ein Grund ins Kassensystem zu wechseln. Unabhängig vom Fach trifft das bei den unter 40-Jährigen sogar auf jede vierte Wahlärztin bzw. jeden vierten Wahlarzt zu. Darüber hinaus wären vier von zehn befragten Ärztinnen und Ärzten unter der Voraussetzung des Dispensierrechtes bereit, Randzeiten abzudecken, und ein Drittel würde sogar die Öffnungszeiten generell ausweiten. „Das ist ein entscheidender Hebel Ärztinnen und Ärzte ohne Zwang für das solidarische Gesundheitssystem zu gewinnen, den man angesichts der zunehmend schwierigen Situation in der kassenärztlichen Versorgung – insbesondere in Mangelfächern – nicht ungenutzt lassen darf“, sagt Kamaleyan-Schmied.
Umsetzung gefordert
Aus einer Patientenbefragung 2024 ist bekannt, dass zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener sich wünschen, Medikamente auch direkt bei der Ärztin bzw. dem Arzt erhalten zu können. Die nun vorliegenden Ergebnisse zeigen: Auch die Ärzteschaft ist bereit, diesen nächsten Schritt in der Versorgung mitzugehen. „44 Prozent der Wiener Ärztinnen und Ärzte würden an einem Pilotprojekt teilnehmen“, sagt Steinhart. „Der Wunsch der Bevölkerung trifft auf eine hohe Bereitschaft in der Ärzteschaft. Das ist ein eindeutiger Auftrag an die Politik, rasch in die Umsetzung zu gehen, um neue Versorgungsmodelle im österreichischen Gesundheitssystem zu entwickeln.“
Peter Hajek: „Die Studie zeigt eine grundsätzliche Offenheit vieler niedergelassener Ärztinnen und Ärzte gegenüber der Medikamentenabgabe in Ordinationen. Der erwartete Nutzen liegt vor allem bei einer einfacheren, schnelleren und patientennäheren Versorgung. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass eine mögliche Umsetzung gut geregelt sein müsste – insbesondere mit Blick auf organisatorischen Aufwand, Lagerung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen.“
[1] Primary Medication Non-Adherence: Analysis of 195,930 Electronic Prescriptions, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2842539
Primary non-adherence in general practice: a Danish register study, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24756147/
[2] Neue Analyse zeigt: Jedes zehnte Rezept wird nicht eingelöst https://www.medmedia.at/relatus-med/jedes-zehnte-rezept-wird-nicht-eingeloest