Präsentation der Imagekampagne „Sparen kann Ihr Leben kosten"

Wien, 14. März 2019 Im Jänner 2019 startete die Ärztekammer mit der großflächigen Imagekampagne „Wiener Spitalsärzte leisten mehr", um die Wienerinnen und Wiener über die Leistungen der Spitalsärzte zu informieren. Seitdem sind neben den bereits bekannten Problemen zu den Ruhezeiten weitere hinzugekommen, die die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte massiv erschweren und immer weniger Zeit für die Patienten erlauben. Die neuen Sujets der aktuellen Kampagne sowie eine eigens dafür gebrandete Straßenbahn sollen auf die derzeit wieder akuten Probleme in Wiens Spitälern aufmerksam machen.

„Wir wollen mit der Kampagne dringend davor warnen, welche Gefahren auf unsere Patienten zukommen könnten", verkündet Wolfgang Weismüller, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien, und setzt gleich nach: „Nachdem wir zu Beginn des Jahres die Stärken unseres Berufs im Fokus hatten, zeigen wir nun die Kehrseite der Medaille, nämlich, mit welchen schwierigen Arbeitsbedingungen Spitalsärzte tagtäglich zu kämpfen haben – und was das für die Patienten bedeuten kann." Die Sujets mit den Schwerpunkten „Sparkurs", „Wartezeit", „Ärztemangel" und „Nachwuchs" sollen mit klassischen Plakaten, Megaboards, Infoscreens, digitalen City-Lights, Inseraten in relevanten Hochglanzmagazinen sowie via Social Campaigning in Social Media verbreitet werden und entsprechende Aufmerksamkeit generieren, um die derzeit größten Probleme im Spitalswesen anzusprechen.

„Hintergrund der Kampagne ist, die drohenden Gefahren für Wiens Spitäler und das Wiener Gesundheitssystem als Ganzes in Zukunft – bewusst auch provokant – aufzuzeigen", betont Weismüller. „Provokant deshalb, weil die Stadt Wien unsere Forderungen, vor allem jene nach mehr Personal, bisher völlig ignoriert hat."

Patienten in Gefahr

„Wir Spitalsärzte arbeiten derzeit am äußersten Limit und haben immer weniger Zeit für unsere Patienten", betont Weismüller. „Das bedeutet, dass schon bald Patienten in Gefahr kommen könnten, medizinisch nicht mehr ausreichend versorgt zu werden." Für Weismüller liegt dieses Bedrohungsszenario für Wien „nicht mehr in weiter Ferne".

Das Problem geht aber auch über die Wiener Landesgrenzen hinaus. Etwa ein Viertel (23,6 Prozent) aller niederösterreichischen Patienten wurden 2017 in Wien behandelt, bei den Krebspatienten waren es sogar fast die Hälfte (2017: 47,8 Prozent). Weismüller: „Die aus den umliegenden Bundesländern importierte, zusätzliche Belastung verschärft die Situation dramatisch."

Zeit zum Gegenlenken wäre für Weismüller noch genug. Allerdings gehen die Zahlen immer weiter auseinander: „Für 200.000 Patienten mehr in den letzten zehn Jahren – das entspricht der Einwohnerzahl von Linz – haben wir in etwa 17 Prozent weniger Arztstunden zur Verfügung. Wir brauchen daher jetzt mehr Personal und Investitionen in die Wiener Gemeindespitäler", fordert Weismüller.

Ärzte wandern aus KAV ab

„Unsere Ärztinnen und Ärzte kehren den Wiener Gemeindespitälern den Rücken zu", stellt Weismüller fest und nennt auch die Gründe dafür: „Die Spitäler und die Arbeitsbedingungen sind einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Eine veraltete Infrastruktur, überbordende Bürokratie sowie eine komplett fehlende Wertschätzung seitens des Arbeitgebers schrecken unsere jungen Ärztinnen und Ärzte vielfach ab." Immer mehr Spitalsärzte würden demnach „nicht nur Wien meiden, sondern auch Wien verlassen".

„Bessere Arbeitsbedingungen sind essenziell, damit weitere Ärztinnen und Ärzte sowohl für das Spital, aber auch für den niedergelassenen Bereich ausgebildet werden", erklärt Weismüller. „Man muss nämlich ganz klar sagen: Auch Hausärzte werden im Spital ausgebildet. Ohne die Spitäler geht also gar nichts."

Lösungsansätze wären laut Weismüller ausreichend vorhanden: „Wir brauchen wettbewerbsfähige Gehälter, um national zu bestehen. Ein erster wichtiger Schritt wäre, das Grundgehalt der Spitalsärzte an die Einkommenssituation im niedergelassenen Bereich anzugleichen." Fachärzte im Spital verdienen je nach Fachrichtung nur einen Bruchteil dessen, was ihre Kolleginnen und Kollegen in der Niederlassung erwirtschaften.

„Gerade in Wien, das demografisch stark wächst und immer älter wird, wären eine faire Entlohnung sowie eine positive Unternehmenskultur sehr wichtig, um Spitalsärzte nicht zu verlieren, sondern – ganz im Gegenteil – sie sogar anzulocken", schlussfolgert Weismüller. „Dazu brauchen wir aber auch attraktive Spitäler."

300 Spitalsärzte fehlen

„Aufgrund des Ärztemangels, der bevorstehenden Pensionierungswelle sowie des von der Politik noch immer ungelösten ärztlichen Leistungsverlusts durch die Einführung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes brauchen wir mehr Ärztinnen und Ärzte in den Spitälern", betont Weismüller und nennt dabei auch eine konkrete Zahl: „In Wien benötigen wir – als ersten Schritt – mindestens 300 Spitalsärzte mehr."

Für Weismüller mangelt es aber auch an den organisatorischen Rahmenbedingungen. „Im Wiener Krankenanstaltenverbund fehlt nach wie vor eine dringend notwendige Personalbedarfsberechnung auf 40 Stunden." Würde es diese nämlich geben, wäre auch transparent sichtbar, dass mindestens 300 Spitalsärzte auf Vollzeitbasis im KAV zusätzlich aufgenommen werden müssten, weiß Weismüller.

„Das entspricht in etwa 12.000 Arztstunden in der Woche, die fehlen", erklärt Weismüller und zeigt damit die immense Dimension der Leistung am Patienten auf, die derzeit in Wien abgeht. Beispielsweise musste im SMZ Süd/Kaiser-Franz-Josef-Spital, wo Weismüller selbst arbeitet, aufgrund des Ärztemangels eine ganze Station geschlossen werden, nämlich die Neonatologie. Weismüller: „Die Patientengefährdung beginnt damit bereits bei unseren neugeborenen Kindern".

„Die Pensionierungswelle wird dieses Problem verschärfen", prophezeit Weismüller, wenn er sich die demografische Entwicklung der Ärzteschaft ansieht. „In den nächsten zehn Jahren wird etwa ein Drittel aller Wiener Spitalsärzte und damit ein enormer Anteil medizinischer Leistungsträger in Pension gehen."

Infrastrukturmilliarde für Spitäler

Selbst mit ausreichend vorhandenen Kolleginnen und Kollegen müsste gemäß Weismüller aber noch „eine Erneuerung der Infrastruktur erfolgen, mit der unsere Spitalsärzte arbeiten müssen. Unsere EDV ist veraltet, die Spitäler sind als Ganzes in die Jahre gekommen, und das Krankenhaus Nord allein kann auch nicht alles auffangen", so Weismüller.

„Wir brauchen allein für die Wiener Gemeindespitäler eine Infrastrukturmilliarde", rechnet Weismüller, „damit unsere Ärztinnen und Ärzte auch fachgerecht arbeiten können". Für Weismüller ist es „völlig inakzeptabel", dass neue Software zwar angeschafft werde, diese aber auf teils völlig veralteten Geräten nicht benützt werden könne.

„Es ist ebenfalls eine Schande, dass vier Jahre nach der Einigung mit der Wiener Stadtregierung die darin enthaltenen Zentralen Notaufnahmen weiterhin nicht umgesetzt wurden", zieht Weismüller Bilanz über die Zeit seit der Einführung des KA-AZG: „Ohne die Zentralen Notaufnahmen wird es unmöglich sein, den großen Patientenandrang in Zukunft zu meistern."

„Fortbildungstausender" für jeden Spitalsarzt

„Ausbildung und Fortbildung müssen auch in Wien wieder ernst genommen werden", fordert Weismüller. Ein Zeichen seitens des Arbeitsgebers wäre hier die Unterstützung der Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten. Ein „Fortbildungstausender" pro Spitalsarzt jedes Jahr – so wie es in anderen Bundesländern üblich ist – ist für Weismüller eine geeignete Maßnahme, um den Standort Wien zu attraktivieren und die Qualität der Versorgung zu sichern.

„Zusätzlich brauchen wir eine Verbesserung der Ausbildungsqualität mit einer strukturierten Ausbildung, in der der Dienstgeber zeitliche Ressourcen sowohl für Ausbildner als auch für Auszubildende schafft", erklärt Weismüller. „Wir müssen Strukturen schaffen, in denen der Arzt zu 100 Prozent für die Patienten da sein kann."

Konkret müssten hier gemäß Weismüller vom Dienstgeber garantierte Fortbildungstage für Turnusärzte eingeführt werden, „analog zu jenen, wie sie bereits Fachärzte im Spital haben". Auch eine fortlaufende Anstellung der Ausbildungsärzte für Allgemeinmedizin während der verpflichtenden Lehrpraxis müsse endlich ermöglicht werden.

„Wir rufen die Politik auf, unsere Forderungen ernst zu nehmen", appelliert Weismüller in Richtung Wiener Stadtregierung. „Wir Ärztinnen und Ärzte arbeiten täglich gegen den Tod, es wäre daher sehr ratsam, wenn die Verantwortlichen unsere massiven Bedenken und unsere eindringlichen Alarmrufe diesmal wahrnehmen", so Weismüller abschließend.

 

Ihr Gesprächspartner:

 

Dr. Wolfgang Weismüller

Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien

Telefon:0676/882 882 10

E-Mail: weismueller@aekwien.at

 

Kontakt für Journalisten-Rückfragen:

Ärztekammer für Wien, Dr. Hans-Peter Petutschnig

Telefon: 01/515 01-1273 DW, 0664/10 14 222, Fax: 01/512 60 23-1273,

E-Mail: hpp@aekwien.at