Pressekonferenzen
Absprechen der Kompetenz und geringschätzige Bemerkungen sind für Ärztinnen Arbeitsalltag
„Dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern und sie anzüglichen
Bemerkungen ausgesetzt sind, ist ein absolutes No-Go und völlig inakzeptabel.“
Johannes Steinhart
Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Studienpräsentation zu strukturellen Barrieren im Beruf von Ärztinnen in Wien
Die Mehrheit der Wiener Ärztinnen ist mit ihrer Karriereentwicklung zufrieden, erlebt im Berufsalltag jedoch erhebliche Hürden und Missstände. Zwei Drittel (64 Prozent) der Ärztinnen geben an, im Laufe ihrer Karriere bereits mit Benachteiligungen konfrontiert gewesen zu sein. Sechs von zehn Befragten erfahren regelmäßig Abwertungen durch Patientinnen und Patienten ebenso wie innerhalb der Ärzteschaft. Ebenso wird Ärztinnen Misstrauen aufgrund ihres Geschlechts entgegengebracht und ihre fachliche Kompetenz angezweifelt.
93 Prozent sind überzeugt, dass Frauen im Arztberuf aufgrund von Mutterschaft größere Karriereeinbußen haben als Männer. Das zeigt eine aktuelle Befragung von Meinungsforscher Peter Hajek im Auftrag der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Die Ergebnisse im Detail
- Dreiviertel der befragten Wiener Ärztinnen sind mit ihrer Karriereentwicklung zufrieden (75 Prozent). Wobei niedergelassene Ärztinnen damit deutlich zufriedener sind als angestellte (88 Prozent vs. 69 Prozent).
- Rund zwei Drittel aller befragten Ärztinnen (64 Prozent) haben selbst bereits Hürden Benachteiligungen erlebt.
- Ärztinnen erfahren regelmäßig Abwertungen: 6 von 10 Ärztinnen waren mit geringschätzigen Bemerkungen konfrontiert – sei es von Seiten der Kollegenschaft und Vorgesetzen (59 Prozent) als auch von Patientinnen und Patienten (60 Prozent).
- 62 Prozent wird überdies Misstrauen durch Patientinnen und Patienten gegenüber ihrer Kompetenz
- Familienplanung und Kinderbetreuung sind für jede zweite Ärztin (52 Prozent) die größten Karrierehindernisse.
- 9 von 10 Frauen (93 Prozent) sagen, dass Mutterschaft im ärztlichen Berufsalltag strukturelle Nachteile mit sich bringt, etwa durch reduzierte Karrierechancen, geringere Planbarkeit oder fehlende Entlastungsstrukturen.
- 61 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen sehen einen dringenden Bedarf von flexiblerer Regelung der Einzelordinationen mit Kassenvertrag.
- Mitarbeitergespräche in den Krankenhäusern finden nur bei 42 Prozent regelmäßig, zumindest einmal jährlich, statt. Mentoring- oder Coachingprogramme sind kaum etabliert: nur 9 Prozent haben bislang an einem teilgenommen.
Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien: „In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil von Frauen in medizinischen Berufen signifikant gestiegen.“ Waren 1990 noch 30 Prozent der Ärzteschaft Frauen, sind es aktuell etwa die Hälfte. In Fachrichtungen wie Allgemeinmedizin und Kinder- und Jugendheilkunde sind Frauen sogar in der Mehrheit. Zudem übernehmen immer mehr Frauen Führungsrollen, was den gesellschaftlichen Fortschritt widerspiegelt.
Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es nach wie vor erhebliche Hindernisse. Stereotypen und gesellschaftliche Erwartungen in Bezug auf die Familienstrukturen halten sich hartnäckig. Viele Frauen sehen sich mit dem Vorurteil konfrontiert, dass sie weniger belastbar oder weniger ambitioniert seien als ihre männlichen Kollegen. „Geringschätzige Bemerkungen und Misstrauen gegenüber Ärztinnen sind ein gesellschaftliches Phänomen. Es macht keinen Unterschied, ob es sich um den Kontakt mit Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen oder Patientinnen und Patienten handelt.“
Frauenfeindliche Handlungen in der Kollegenschaft oder durch Vorgesetzte sind häufig: 59 Prozent der befragten Ärztinnen berichten von herabwürdigenden Bemerkungen, 54 Prozent von unerwünschten anzüglichen Kommentaren, 44 Prozent von Misstrauen gegenüber ihrer fachlichen Kompetenz.
Ebenso sind misogyne Handlungen durch Patientinnen und Patienten verbreitet: 60 Prozent der Ärztinnen waren bereits mit abwertenden Bemerkungen, 55 Prozent mit unerwünschten anzüglichen Kommentaren und 62 Prozent mit angezweifelter fachlicher Kompetenz konfrontiert. „Dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern und sie anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt sind, ist ein absolutes No-Go und völlig inakzeptabel. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und Zivilcourage einfordern“, betont Steinhart.
Ein zentrales Karrierehindernis bleibt laut Befragung für jede zweite Ärztin die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Außerdem zeigen die Studienergebnisse, dass Frauen vielfach mit einer „gläsernen Decke“ konfrontiert sind. Nur 17 Prozent der Ärztinnen sind der Meinung, dass Frauen und Männer im ärztlichen Bereich gleichermaßen unterstützt werden. 68 Prozent sehen Männer klar bevorzugt, während nur ein Prozent meint, Frauen würden stärker unterstützt. Damit zeigt sich ein deutlich wahrgenommenes strukturelles Ungleichgewicht zugunsten von Männern.
„Es ist schlicht untragbar, dass zwei Drittel aller Wiener Ärztinnen von Hindernissen und Benachteiligungen berichten.“ Die Studienergebnisse sind daher ein klarer Handlungsauftrag an die Politik: Hürden abzubauen, gezielte Förderung zu etablieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nachhaltig zu verbessern muss ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. „Gleichstellung im Arztberuf ist kein Randthema, sondern eine Voraussetzung für eine stabile medizinische Versorgung. Wenn wir die besten Köpfe für die Medizin gewinnen wollen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Lebensentwurf – dann müssen wir Strukturen schaffen, die Vielfalt nicht nur zulassen, sondern aktiv fördern.“
Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte: „Ärztinnen im niedergelassenen Bereich können besser selbst über ihre Arbeitssituation bestimmen und sind deshalb zufriedener mit ihrer Karriereentwicklung.“ Das liegt zum einen an den Rahmenbedingungen durch familienfreundlichere Arbeitszeiten ohne Nacht- und Wochenenddienste. Darüber hinaus kann die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen in der Regel nur in der Selbständigkeit geschlossen werden. Die Selbständigkeit birgt aber insbesondere für Frauen auch Risiken durch Verdienstentgang im Falle einer Schwangerschaft, da es weder Mutterschutz oder Karenz noch die Möglichkeit von Teilzeitarbeit gibt. „Die Einführung von Mutterschutz für Kassenvertragsärztinnen – nach Vorbild der Ärztekammer für Vorarlberg – wäre dringend geboten.“
Besonders deutlich wird der Wunsch nach flexibleren Vertrags- und Arbeitsmodellen – sechs von zehn Ärztinnen wollen flexiblere Öffnungszeiten. Gerade in der Allgemeinmedizin und insbesondere dann, wenn Kinder im Haushalt leben, steigt laut Befragung der Bedarf nach mehr Flexibilität. „Wenn wir es nicht schaffen, Ärztinnen langfristig im Beruf zu halten, ist die hausärztliche Versorgung in Gefahr.“ Angesichts eines überdurchschnittlich hohen Frauenanteils von 62 Prozent in der Allgemeinmedizin ist es hier unabdingbar, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Im fachärztlichen Bereich arbeiten überwiegend in Mangelfächern überdurchschnittlich viele Frauen. Das betrifft Kinder- und Jugendheilkunde (65 Prozent Frauen), Haut- und Geschlechtskrankheiten (61 Prozent Frauen) ebenso wie Frauenheilkunde und Geburtshilfe (54 Prozent Frauen). „Frauen arbeiten häufig in Fächern, in denen verstärkt Gespräche bzw. Zuwendungsmedizin erforderlich sind und die tendenziell schlechter bezahlt sind.“
Zentrale Hebel, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sind gemäß Umfrageergebnissen die stärkere Förderung von Gruppenpraxen inklusive Anstellungsmöglichkeiten, Jobsharing-Modelle sowie breitere und flexiblere Vertretungsregelungen. „Diese Maßnahmen fordern wir als Kammer schon seit Langem. Sie verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie deutlich und machen den niedergelassenen Kassenbereich langfristig wieder attraktiv.“
Mehr Frauen in der Ärzteschaft haben nachweislich einen positiven Effekt auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Zum einen, weil Frauen häufig empathischer auf individuelle Beschwerden und Bedürfnisse eingehen. So gibt es internationale Untersuchungen, die zeigen, dass Hausärztinnen deutlich mehr Zeit pro Patientin bzw. Patient verbringen, aber gleichzeitig im Schnitt weniger verdienen als männliche Kollegen. Darüber hinaus sind Ärztinnen oft auch stärker auf frauenspezifische Gesundheitsprobleme sensibilisiert und könnten dazu beitragen, spezifische Probleme der Frauengesundheit zu bekämpfen. „Die Benachteiligung von Frauen in der Medizin hat nicht nur einen Verlust hochqualifizierter Ärztinnen zur Folge, sondern wirkt sich auch negativ auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten aus. Die Gleichstellung von Frauen in der Medizin ist von hoher gesellschaftlicher und gesundheitlicher Relevanz und muss endlich konsequent umgesetzt und gelebt werden.“
Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte: „Die Studie zeigt im Spitalsbereich durchaus funktionierende Strukturen, dennoch kämpfen angestellte Ärztinnen im Berufsalltag mit strukturellen Barrieren.“ Zwar berichten drei Viertel, dass Mitarbeitergespräche geführt werden – regelmäßig, also zumindest einmal jährlich, finden sie allerdings nur bei 42 Prozent statt. In der Ausbildung hatte fast jede Dritte noch kein einziges Mitarbeitergespräch, gerade junge Ärztinnen wünschen sich aber hier mehr Förderung. „Gezielte Förderangebote speziell für Frauen sind dringend notwendig. Mentoring- oder Coachingprogramme sind kaum vorhanden, nur neun Prozent der Spitalsärztinnen haben bislang an einem teilgenommen.“ Fast drei Viertel der Befragten würden ein entsprechendes Angebot annehmen – bei jungen Ärztinnen ist die Bereitschaft mit über 90 Prozent besonders hoch. „Das ist ein klares Signal, das wir ernst nehmen müssen“, stellt Maldonado-González klar.
Die Kammer hat bereits mit „Ärzt:innen Connect“ oder „Chirurginnen.connect“ Veranstaltungen zur Vernetzung von Frauen in der Medizin einen wichtigen Schritt gesetzt. Das Referat für Frauenpolitik der Kammer verfolgt konsequent das Ziel, die spezifischen Anliegen von Ärztinnen zu vertreten und zu fördern. Der Fokus liegt dabei auf der Karriereplanung von Ärztinnen – nicht nur, aber auch hinsichtlich einer bedarfsgerechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Ein positives Umfrageergebnis zeigt, dass Rotationspläne im Spital überwiegend als fair wahrgenommen werden und auch die zeitliche und organisatorische Flexibilität von einer Mehrheit der Ärztinnen positiv bewertet wird. Jede zweite angestellte Ärztin hat zudem Zugang zu einer betrieblichen Kinderbetreuung, aber 42 Prozent finden das vorhandene Angebot unzureichend. „Die Rückmeldungen jener Ärztinnen, die mit ihrer Situation unzufrieden sind, zeigen sehr klar, wo wir ansetzen müssen: bei starren Dienstzeiten, fehlender individueller Förderung, zu wenigen weiblichen Führungskräften und mangelnder Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen.“ Es geht nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um eine strukturelle Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen im Spitalsbereich.
„Frauenförderung in der Medizin ist ein zentraler Bestandteil moderner Personal- und Wissenschaftspolitik – und damit kein „Nice-to-have“, sondern ein „Must“. Der Gleichstellungsauftrag richtet sich an uns alle.“ Es geht um die Verankerung von Chancengleichheit als Qualitätsmerkmal. „Wir Männer spielen hier eine entscheidende Rolle: indem wir Stereotypen hinterfragen, Frauen auf ihrem Karriereweg gleichberechtigt behandeln und so aktiv zu einer positiven Veränderung der Unternehmenskultur beitragen.“
Arbeitgeber in Praxis und Klinik können durch flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, gemeinsame Führungsmodelle (Top-Sharing) und eine gute Kinderbetreuung dafür sorgen, dass Ärztinnen ihren Beruf und ihre Familie besser miteinander vereinbaren können. „Ein unterstützendes und familienfreundliches Arbeitsumfeld ist hier ebenso wichtig und dient auch den jungen männlichen Ärzten, die sich zunehmend stärker für ihr Familienleben verantwortlich fühlen“, sagt Maldonado-González.
Peter Hajek: „Die Studie zeigt ein deutliches Spannungsfeld zwischen individueller Zufriedenheit und strukturellen Hürden. An den Schnittstellen von Karriere, Arbeitsorganisation und Kinderbetreuung prägen systemische Rahmenbedingungen aus Sicht der Ärztinnen den Berufsverlauf häufig stärker als individuelle Leistung.“
Lösungs- und Verbesserungsvorschläge
- Gleichstellungsstrategien in medizinischen Einrichtungen – mit klaren Zielvorgaben und Monitoring.
- Förderprogramme, die gezielt den Aufstieg von Frauen in leitende Positionen unterstützen – z. B. durch Mentoring, Coaching und Führungsakademien.
- Strukturelle Veränderungen in der Arbeitsorganisation: flexible Arbeitszeiten, familienfreundliche Dienste, transparente Beförderungskriterien.
- Flexibilisierung: Das Berufsbild muss sich den Lebensrealitäten der Menschen anpassen, etwa durch moderne Arbeitszeitmodelle und die flexible Möglichkeit zur Teilung von Kassenverträgen.
- Mutterschutz für Kassenvertragsärztinnen: Einkommensersatz zur Deckung der laufenden Fixkosten nach Vorbild der Ärztekammer für Vorarlberg und die Vorarlberger Landesstelle der ÖGK.
- 4-Tage-Woche für Allgemeinmedizin, analog zu den Fachärztinnen und Fachärzten und den Bundesländern.
- Unterstützung beim Gründungsprozess: durch erleichterten Immobilienerwerb und Lösung der Umsatzsteuerproblematik beim Immobilienkauf sowie Unterstützung bei der Suche nach geeignetem Fachpersonal.
- Bewusstseinsbildung: Gleichstellung gelingt nur, wenn sie als gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen im medizinischen Berufsumfeld müssen umgehend etabliert werden.
- Ausbau der Kinderbetreuung: Gewährleistung der Betreuung auch an Randzeiten sowie am Wochenende.