Pressekonferenzen
„Wiener Spitalskonzept 2040“ Reformvorschläge und Lösungsansätze für eine zeitgemäße Spitalslandschaft
„Zahlreiche Leistungen, die noch vor wenigen Jahren stationär erbracht werden mussten, können heute sicher, qualitativ gleichwertig und kosteneffizienter ohne Übernachtung im Spital durchgeführt werden.“
Eduardo Maldonado-González
Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte
Ausbau der Tagesmedizin entlastet Strukturen und ist patientenfreundlich
Damit die Wiener Spitäler zukunftsfit werden sind grundlegender Eingriffe in die internen Spitalsstrukturen notwendig: Ausbau der Tagesmedizin, Digitalisierung, Neuausrichtung der Spitalsambulanzen, trägerübergreifender Ausbildungsverbund und Entwicklung eines medizinisch-administrativen Lehrberufs sind entscheidende Faktoren um den Herausforderungen des Wiener Gesundheitssystems zu begegnen. Mit dem Wiener Spitalskonzept 2040 präsentiert die Kurie angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien praxisnahe Reformideen und Lösungsansätze für eine zeitgemäße Spitalslandschaft, die die Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Spitzenmedizin nachhaltig garantiert.
Tagesmedizin ist Versorgung auf höchstem Niveau
„Zahlreiche Leistungen, die noch vor wenigen Jahren stationär erbracht werden mussten, können heute aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts sicher, qualitativ gleichwertig und kosteneffizienter ohne Übernachtung im Spital durchgeführt werden“, sagt Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte Unter dem Begriff Tagesmedizin werden jene Leistungen zusammengefasst, die bisher stationär erbracht wurden und künftig ohne medizinisch notwendige Nächtigung durchgeführt werden können.
„Tagesmedizin bedeutet eine Weiterentwicklung, keine Reduktion von Leistungen. Der medizinische Standard bleibt unverändert auf höchstem Niveau, nur der Versorgungsprozess wird in einer der modernen Medizin entsprechend machbaren Unterbringung effizienter und patientenfreundlicher gestaltet“, hält Maldonado-González fest. Dabei gibt es Fachbereiche wie Orthopädie, Traumatologie, Gynäkologie, Urologie oder Augenheilkunde, die besonders für die Tagesmedizin geeignet sind.
„Hochspezialisierte Disziplinen wie Herzchirurgie, Thoraxchirurgie oder Transplantationsmedizin werden auch weiterhin stationär organisiert bleiben müssen“, stellt der Kurienobmann klar. „Die Entscheidung, ob ein Eingriff tagesmedizinisch durchgeführt werden kann, liegt immer beim behandelnden ärztlichen Team auf Basis der individuellen medizinischen und persönlichen Situation der Patientin oder des Patienten, nach dem Grundsatz ‚ambulant, wenn möglich – stationär, wenn notwendig‘.“
Zentrales Element bei der Finanzierung und künftiger Strukturplanmodelle bei diesem Wandel ist der Übergang vom bettenbasierten zum leistungsorientierten Denken. Ein tagesmedizinischer Therapieplatz ersetzt 1,5 stationäre Betten, das ergibt ein jährliches grobkostengeschätztes Effizienzpotenzial von ca. 2,4 Milliarden Euro in Österreich.
Maldonaldo-González: „Dabei geht es um die tatsächlich erbrachten Leistungen und nicht um die Anzahl der Betten.“ Der Wandel in Richtung Tagesmedizin soll durch eine neue eigenständige Finanzierungssäule für tagesmedizinische Betreuungsplätze gezielt unterstützt werden. „Regelmäßig werden jährlich beispielsweise in den Spitälern des Wiener Gesundheitsverbundes Bettenstationen im Reinvest oder als Instandhaltung saniert. Diese Sanierung kann genauso effizient in Form von Tagesstationen mit Eingriffsräumen ohne Betten durchgeführt werden. So kann der Strukturwandel ohne vermehrten finanziellen Aufwand erfolgen“, ist der Kurienobmann überzeugt.
Digitale Wiener Medizinische Schule
Digitalisierung ist eine strukturelle Voraussetzung für ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das Daten, Technologie und medizinische Exzellenz integriert: evidenzbasiert, vernetzt, lernend und patientenzentriert. Vorschläge zur Digitalisierung werden im Spitalskonzept 2040 unter dem Schlagwort ‚Digitale Wiener Medizinische Schule‘ zusammengefasst: „Klinische Praxis, Forschung und Systemsteuerung werden hier Basis hochwertiger, verfügbarer und vertrauenswürdiger Daten verbunden, um das Personal zu entlasten und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, erläutert Vizepräsident Maldonado-González.
Anschauliches praktisches Beispiel ist eine einheitliche elektronische Patientenakte: Derzeit erschweren unterschiedliche IT-Systeme und fehlende Schnittstellen den Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Spitalsträgern und Standorten oder machen diesen sogar unmöglich. Das führt zwangsläufig zu Doppelgleisigkeiten, Mehrfachuntersuchungen und Mehrkosten. „Das Wiener Spitalskonzept 2040 sieht daher eine trägerübergreifende, österreichweite elektronische Patientenakte vor. Denn Befunde, Diagnosen, Medikationen und Bilddaten müssen dort verfügbar sein, wo die Behandlung stattfindet“, betont der Kurienobmann.
Spitalsinfrastruktur neu denken
„Die bestehende Infrastruktur des Wiener Gesundheitssystems ist nicht auf die Anforderungen der tagesmedizinischen Entwicklungen ausgerichtet. Teure Spitalsstrukturen werden für Leistungen genutzt, die effizienter und wohnortnäher erbracht werden könnten“, erläutert Benjamin Glaser, Finanzreferent der Kurie angestellte Ärzte. Es brauche daher eine strukturierte Neuordnung nach dem Prinzip „Best Point of Service, Quality und Finance“. „Jede Leistung wird dort erbracht, wo sie medizinisch und organisatorisch sinnvoll, kosteneffizient und für Patientinnen und Patienten am zugänglichsten ist.“
Das derzeitige Versorgungsmodell folgt einem abgestuften Konzept, das von der Primärversorgung über ambulante Einrichtungen bis hin zur stationären Versorgung im Krankenhaus reicht. Mit einem Ausbau der modernen Tagesmedizin ist es jedoch notwendig, neue Versorgungsmodelle zu etablieren. Ein zentraler Bestandteil der zukünftigen Versorgungsstruktur sind dezentrale tagesmedizinische und ambulante Einheiten sowie Exposituren von Spitälern. „Damit können medizinisch nicht unbedingt notwendige Übernachtungen reduziert werden und Spitalsambulanzen entlastet werden“, stellt Glaser klar.
Das Spitalskonzept 2024 sieht dafür eine Ausgliederung der Spitalsambulanzen aus den Spitalsträgern, orientiert am Modell der Erstversorgungsambulanzen (EVA), vor. Die ausgelagerten Ambulanzen bzw. EVA dienen als Schnittstelle zwischen intra- und extramuralen Bereich zu. Sie fungieren als Gatekeeper im Spitalssystem.
In der restlichen Spitalsstruktur sollen künftig nur mehr Akutfälle und primär eine hochspezialisierte ambulante Versorgung, die in Form von Spezialambulanzen mit Terminvergabe organisiert sind, sowie die allgemeine stationäre Patientenversorgung stattfinden.
Glaser: „Effizienz bedeutet im Gesundheitssystem nicht „Sparen um jeden Preis“, sondern Ressourcen dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen bringen – zum Wohle der Patientinnen und Patienten.“
Dabei kommt es bei der neuen Infrastruktur nicht zu einer Reduktion der Krankenhäuser oder deren Personalstruktur, sondern zu einer organisatorischen Umstrukturierung. Glaser: „Eine Ausgliederung des gesamten ambulanten Spitalsbereichs in eigene Gesellschaften der Trägerorganisationen ermöglicht den Aufbau neuer effizienterer Strukturen sowie Arbeits-, Dienst- und Besoldungsschemata, die den Anforderungen der modernen Tagesmedizin entsprechen.“
Diese Gesellschaften müssen unbedingt im Eigentum der Spitalsträger bzw. des Landes bleiben und nur Wiener Spitalsärztinnen und -ärzte beschäftigen. „Durch dieses Modell können attraktive Arbeitsbedingungen und leistungsgerechte Entlohnungen im ambulanten Bereich erreicht werden“, erklärt Benjamin Glaser einen wichtigen Punkt des Wiener Spitalskonzeptes 2040.
Gleichzeitig benötigt es einen Ausbau von Übergangsbetten in Pflegeheimen, Einrichtungen in der Akutgeriatrie und Remobilisation sowie in der Rehabilitation, um Patientinnen und Patienten eine zeitlich begrenzte, strukturierte Weiterbetreuung zu ermöglichen, die nach einem Krankenhausaufenthalt nicht sofort nach Hause können. So können Akutbetten in den Spitälern rascher für dringende medizinische Fälle genutzt werden. Entscheidend ist dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen Spitälern, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegeeinrichtungen.
Dieses Versorgungsmodell – von der Primärversorgung, über die Erstversorgungsambulanzen und tagesmedizinischen und -klinischen Einheiten bis zur stationären Hochleistungsmedizin – hilft, die heute häufigen Mehrfach-Stop-Abläufe bei der Patientversorgung zu reduzieren und verbessert sowohl die Patientenerfahrung als auch die Systemeffizienz.
Karriereplan-Portal für strukturierte Personalentwicklung
Ein trägerübergreifender Ausbildungsverbund und verbindliche geregelte Rotationen durch alle Versorgungsbereiche – Spitäler, tagesmedizinische Einheiten, Primärversorgungseinrichtungen und Lehrpraxen – ermöglichen ein ganzheitliches Verständnis des Gesundheitssystems und verbessert nachhaltig die Ausbildungsqualität. Ein digitales Karriereplan-Portal bildet außerdem strukturierte Prozessunterstützung mit Karrierecheckpoints, Entwicklungsvereinbarungen und Pfadbausteine.
Personalentwicklung und Karriereplanung sind für Lisa Leutgeb, 1. Stellvertretende Obfrau der Kurie angestellte Ärzte, Themen von entscheidender Bedeutung: „Unser Ziel ist es, im Wiener Spitalssystem auf allen Ebenen und zu jedem Zeitpunkt der ärztlichen Laufbahn strukturierte Karrierepfade zu etablieren.“
Das Wiener Spitalskonzept 2040 sieht vor, Ärztinnen und Ärzten systematisch Karrierepfade anzubieten. „Kolleginnen und Kollegen, die keine Position als Primaria oder Primarius anstreben, wollen sich dennoch innerhalb der Organisation anhand ihrer Interessen und Fertigkeiten weiterentwickeln. Das fehlt derzeit weitgehend.“ In Zukunft soll gelten: Wer einen definierten Karrierepfad wählt, erhält nachvollziehbare Unterstützung und planbare nächste Schritte zur Weiterentwicklung von klinischer Expertise im eigenen Bereich, Forschungskarriere, Weitergabe von Wissen etc. Übergänge und Rollenwechsel werden dabei aktiv berücksichtigt, insbesondere Rückkehr nach Karenz, Wechsel zwischen Profilen oder gleitende Übergänge in den Ruhestand. Um Know-how im System zu halten, werden für Leitungsfunktionen standardmäßig Übergabe- und Nachfolgephasen vorgesehen.
Ein zentrales digitales Instrument für diese Maßnahmen könnte ein Karriereplan-Portal liefern. Leutgeb: „Dieses Portal erfüllt dabei drei Kernfunktionen: eine Rotations- und Ausbildungsplanung mit einer Übersicht aller erforderlichen Rotationen und verfügbaren Stellen, Transparenz über Ausbildungsqualität mit Dokumentationen oder Analysen und eine systemweite Personalplanung, die hilft Personalbedarf oder -engpässe frühzeitig zu erkennen.“ Das Portal bildet als strukturierte Prozessunterstützung zusätzliche Karrierecheckpoints, Entwicklungsvereinbarungen und Pfadbausteine.
Das Wiener Spitalskonzept 2040 schafft durch definierte planbare Abläufe, flexiblere Dienstmodelle und eine zukunftsfähige Ausbildungsarchitektur die strukturellen Voraussetzungen „für eine langanhaltende Mitarbeiterzufriedenheit in einer modernen Arbeitswelt im Krankenhaus“, ist die stellvertretende Obfrau Leutgeb überzeugt.
Versorgungsstrukturen weiterentwickeln
Ein wesentliches Ziel ist es, das medizinische und pflegerische Personal von organisatorischen und bürokratischen Tätigkeiten zu entlasten, damit mehr Zeit für die ärztlichen bzw. pflegerischen Kernaufgaben zur Verfügung steht: Diagnose, Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten. Speziell ausgebildete Berufsgruppen, etwa medizinisch-administrative Fachkräfte und personell aufgestockte klinisch-administrative Dienste, sollen in Zukunft verstärkt Dokumentationstätigkeiten, Terminmanagement und organisatorische Koordination übernehmen. Dieter Kölle, 2. Stellvertretender Obmann der Kurie angestellte Ärzte: „Als Teil des Transformationsprozesses sollten ein Lehrberuf für medizinisch-administrative Fachkräfte entwickelt werden, um die Attraktivität dieser Tätigkeit zu erhöhen und die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern.“
Ein weiterer entscheidender Faktor zur Umsetzung und Implementierung des Konzeptes ist die operative Koordination der Versorgungsstrukturen. „Es braucht eine zentrale Steuerung aller Rettungszufahrten sowie ein stadtweites Bettenmanagement. Die Gesundheitshotline 1450 wird dabei zu einer zentralen Koordinationsplattform des Wiener Spitalssystems weiterentwickelt“, erklärt der 2. Stellvertretende Kurienobmann. Bis 2040 sollten 1450, Wiener Berufsrettung, Ärztefunkdienst, Spitäler, Spitalsexposituren und ambulante Einrichtungen auf eine gemeinsame Datenbasis zugreifen können. Kölle: „Im Prinzip sollte das wie ein Flughafentower organisiert sein: zentrale Steuerung auf Basis aktueller Informationen, ohne die operativen Entscheidungen einzelner Einrichtungen zu ersetzen.“
Die Kurie angestellte Ärzte spricht sich in ihrem Konzept auch für eine Versorgungsregion Ost aus, wo Wien als Zentrum für hochspezialisierte Behandlungen von Patientinnen und Patienten aus den angrenzenden Bundesländern übernehmen. „Dabei muss sich dieser Versorgungsbeitrag klar in einer Regelung der Finanzierung widerspiegeln, die nach transparenten, diagnosebezogenen Leistungen erfolgen sollte und nicht bei Verhandlungen im finanzpolitischen Verteilungskampf“, sagt Kölle.
Eckpunkte des „Wiener Spitalskonzeptes 2040“
- Ausbau der Tagesmedizin
- Aufbau neuer Spitalsinfrastrukturen
- Digitale Wiener Medizinische Schule – einheitliche Patientenakte
- Zusammenarbeit aller Träger
- Ärztinnen und Ärzte als Expertinnen und Experten einbinden
- Ausreichend, gut ausgebildetes Personal mit optimalen Arbeitsbedingungen
- 1450 als zentrale Koordinationsplattform
- hochfrequente und niederkomplexe Klinikstrukturen (in Form von Spezialambulanzen, Tageskliniken, ambulanten Operationszentren etc.)
- Notfall-Akutmedizin in Spitälern mit angeschlossenen Bettenstationen
- hochspezialisierte, hochkomplexe und niederfrequente Spezialabteilungen in Spitälern für die wirklich komplizierten Diagnose- und Therapieverfahren
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Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Mag. Kathrin McEwen
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