Spitalsärzte 2: Zu wenig Ärzte und mehr Patienten gefährden System

Essenzielle Begleitmaßnahmen zu KA-AZG fehlen noch immer – Generationenproblem in der Ärzteschaft

„Bereits jetzt gehen uns durch das KA-AZG 10 Prozent an Arztstunden und damit an medizinischer Leistung am Patienten verloren", erläutert Weismüller. „Das entspricht etwa 300 Ärztinnen und Ärzten im Vollzeitäquivalent, die uns allein in Wiens Spitälern fehlen." Für Weismüller ist das KA-AZG selbst nicht an der Misere schuld, sondern die fehlenden Maßnahmen sind es, die mit der Einführung des KA-AZG nicht gesetzt wurden.

„Da wir derzeit maximal 48 Stunden arbeiten dürfen, müssen die vorher geleisteten Mehrstunden aufgefangen werden. Das geht nur mit der Einstellung von mehr Personal, denn die Patienten werden nicht weniger." Wiens Spitalsärzte leisten enorm viel, haben aber immer weniger Zeit für die Patienten, weil ihnen die Kolleginnen und Kollegen fehlen.

Neben der wachsenden Bevölkerung darf auch der Großstadtfaktor Wiens, wie in jeder anderen Millionenmetropole, nicht unterschätzt werden. In Wien werden zahlreiche Patienten aus den Bundesländern behandelt, vor allem komplizierte und komplexe Fälle.

Weismüller: „Viele Spezialisten sitzen in der Bundeshauptstadt, und hier wird Spitzenmedizin auf höchstem Niveau betrieben. Dennoch ist irgendwann einmal kapazitätsmäßig Schluss."

Pensionierungswelle verschärft die Lage

Zusätzlich wird die Lage durch die anrollende Pensionierungswelle in den Spitälern verschärft, die in einigen Fächern erheblich ist. „Parallel dazu finden wir keine Jungärzte. Ärztinnen und Ärzte werden in unseren Spitälern ausgebildet, verlassen dann aber – und oft sind es die besten Köpfe – aufgrund der unattraktiven Arbeitsbedingungen Österreich", so Weismüller.

Deswegen würde auch eine von manchen Seiten geforderte Aufstockung der Studienplätze nicht das gewünschte Ergebnis bringen, denn die enorme Arbeitsverdichtung der letzten Jahre sowie eine nicht dem internationalen Niveau angepasste Bezahlung würde den ärztlichen Nachwuchs abschrecken.

Im Jänner 2019 wurde zu diesem Thema eine statistische Auswertung aller angestellte Ärztinnen und Ärzte in Wien anhand der Altersverteilung erstellt. Aus dieser Statistik geht hervor, dass in Wien derzeit 6.896 Allgemeinmediziner und Fachärzte beschäftigt sind. Davon werden allerdings in den nächsten zehn Jahren 33,5 Prozent (2.324 Ärztinnen und Ärzte) in Pension gehen.

Stark betroffen sind vor allem die Fachbereiche Anästhesiologie und Psychiatrie. In beiden Fächern werden in diesem Zeitraum etwa jeweils 39 Prozent der Ärztinnen und Ärzte ihre Pension antreten. Im Fachbereich Innere Medizin und bei den Kinderärzten sind es ebenfalls bereits 32 Prozent. „Wir Alten gehen in Pension, die Jungen kommen nicht nach. Jeder kann sich selbst ausmalen, wohin das führen wird", resümiert Weismüller.

„Die vorliegende Datenlage, die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung sowie die fehlende Einstellungspolitik auf Landes-und Arbeitgeberebene geben uns großen Anlass zur Sorge", betont Weismüller. „Wir fordern als Ärztekammer daher die jeweils Verantwortlichen auf, in ihren Wirkungsbereichen entgegenzusteuern und uns Ärztinnen und Ärzten zu helfen, die derzeit noch funktionierende Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten."

Falls man an der Gesundheit der Menschen jedoch sparen wolle, dann „sind Nichtstun beziehungsweise weitere Aufweichungen von existierenden Regelungen auch ein entsprechendes, wenn auch verheerendes, Signal an die Bevölkerung", so Weismüller abschließend. (ast)